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Thema Mensch und Umwelt

11. Sep. 15

Neuer Lebensraum für Meerestiere?

Wie jedes künstliche Bauwerk bilden Offshore-Windparks einen Eingriff in die Natur. Doch die Parks schaffen auch neue Lebensräume – einige Arten profitieren von ihnen.

Im Windpark Alpha Ventus werden derzeit im Rahmen eines Forschungsprojektes die ökologischen Folgen von Offshore-Windparks untersucht.

Alpha Ventus, der erste deutsche Offshore-Windpark 45 Kilometer nordwestlich von Borkum. Gleich neben den Rotoren steht die Forschungsplattform FINO 1 – ein 100 Meter hoher Mast gespickt mit Kameras, Sensoren und Messcontainern.

Ein Kran wird aktiv, er senkt eine kleine Baggerschaufel auf den Meeresgrund ab. Dort, in 28 Metern Tiefe, greift die Schaufel zu und nimmt eine Probe vom Sediment. Dann fährt sie der Kran wieder hoch und entlässt den Inhalt auf einem Gitterrost – ein matschiges Durcheinander aus Sand, Muschelschalen und ein paar Flohkrebsen.

Die Stichprobe beweist: Mit der Zeit haben die Metallpfeiler, auf denen die Plattform steht, unzählige Muscheln angelockt.

Die Aktion ist Teil eines Forschungsprojekts, das die ökologischen Folgen von Offshore-Windparks untersucht. In deutschen Meeren gibt es sie erst seit einigen Jahren. Deshalb besitzt die Wissenschaft kaum langjährige Daten darüber, wie sich die Offshore-Windräder auf die Fauna und Flora auswirken.

Die meisten Erfahrungen liegen für Alpha Ventus vor: Seit 2010 drehen sich die zwölf Rotoren, flankiert von der bereits 2003 installierten Forschungsplattform FINO 1. Seitdem untersuchen Experten, welchen Einfluss die Offshore-Windräder auf Vögel, Meeressäuger, Fische und das Benthos haben – Lebewesen wie Krebse und Muscheln, die am und im Meeresboden gedeihen.

Forscher fanden heraus, dass sich an Offshore-Windparks Lebewesen wie Miesmuscheln ansiedeln.

Ansiedlung von Lebewesen

„In der Nordsee besteht der Meeresgrund gewöhnlich aus Sand und Schlick“, sagt Dr. Lars Gutow, Biologe am Alfred-Wegener-Institut (AWI) in Bremerhaven. „Dagegen bilden die Fundamente von Offshore-Windrädern sogenannte Hartsubstrate, vergleichbar mit Steinen und Felsen.“

Bei ihren Studien stießen die Forscher auf zwei Effekte: Zum einen siedeln sich im Unterwasserbereich der Anlagen Lebewesen wie Miesmuscheln an – je nach Jahreszeit bis zu sechs Tonnen Biomasse pro Turm.

Zum anderen verwirbeln die Fundamente die Wasserströmung, und diese Turbulenzen greifen die oberen Sedimentschichten an. Die Folge dieser „Auskolkung“: Feiner Sand wird abgetragen, Steinchen und Muschelschalen bleiben liegen.

Lebewesen, die wie manche Muschelarten im Sand leben, fühlen sich dort nicht mehr wohl. Dafür tauchen andere Arten wie bestimmte Flohkrebse und Ringelwürmer auf. „Wie es bislang aussieht, scheint sich dieser Effekt auf einen Radius von ungefähr 50 Metern um ein Windrad zu begrenzen“, sagt Gutow. „Bestätigt sich diese Beobachtung, wäre ein Offshore-Windpark also nicht flächendeckend betroffen.“

Probleme drohen am ehesten in der Ostsee: Aufgrund der schwachen Meeresströmungen sinkt absterbende Biomasse von den Masten direkt nach unten und reichern sich am Fuß der Anlage an. Dort wird sie von Bakterien verarbeitet, die dem Wasser Sauerstoff entziehen.

„Es entstehen schwarze Flecken, ein dunkles, nach Schwefelwasserstoff stinkendes Sediment“, erläutert Gutow. „Gerade für ortfeste Organismen können diese Flecken schädlich sein.“

Weil Offshore-Windparks bisher für die Fischerei gesperrt sind, findet man hier ganze Fischschwärme.

Futterquelle für Fische, Vögel und Wale

Bei Alpha Ventus in der Nordsee beobachteten die Experten bereits eines: Der reichliche Unterwasser-Bewuchs an den Anlagen lockt diverse Tiere an. Fische, Seevögel und auch Schweinswale scheinen sich hier neue Futterquellen zu erschließen.

Die Wale werden vor dem Bau der Offshore-Windräder mit akustischen Signalgebern aus dem Baustellengebiet verscheucht, damit sie keinen Schaden durch Rammgeräusche nehmen. „Zunächst hat der Lärm die Wale vertrieben“, erzählt Gutow. „Doch nun sieht man sie in die Offshore-Windparks zurückkehren – vermutlich, weil sie dort ein gutes Nahrungsangebot vorfinden.“

Dieser reich gedeckte Tisch hat einen weiteren Grund: Offshore-Windparks sind für die Fischerei gesperrt. Insbesondere bleiben jene Schäden aus, die Schleppnetze anrichten, wenn sie den Meeresgrund regelrecht umpflügen. „Gut möglich, dass wir beim Benthos sogar eine Erholung beobachten werden“, meint Gutow. „Aber genau werden wir das erst sagen können, wenn Langzeitmessungen vorliegen.“

Für manche Fischer dagegen gelten die Offshore-Windparks als Ärgernis: „Einige der Anlagen liegen in traditionellen Fanggebieten“, sagt Dr. Matthias Kloppmann vom Institut für Seefischerei in Hamburg. „Jeder Windpark für sich gesehen macht nicht viel aus, aber alle zusammen haben merkliche Auswirkungen, zumindest für die Fischerei bestimmter Arten.“

Auf der Basis von Satellitendaten haben Kloppmann und seine Kollegen die Fangplätze der Trawler analysiert und mit den Windpark-Plänen abgestimmt. Das Resultat: „Für Plattfische haben wir erhebliche Fangeinbußen errechnet“, sagt Kloppmann. „Bei Schollen könnten die Fänge um 30 Prozent, bei Seezungen sogar um 50 Prozent zurückgehen.“

Allerdings ist die Zahl der deutschen Fischer, die in diesen Gründen nach Beute suchen, auch unabhängig von den Offshore-Plänen mit der Zeit stetig gesunken. Krabbenfischer hingegen werden von den Windparks nicht betroffen. Sie agieren meist innerhalb Zwölf-Meilen-Zone, also in Küstennähe.

Um einen Offshore-Windpark genehmigt zu bekommen, müssen die Erbauer ökologische Auflagen erfüllen.

Ökologische Auflagen für Offshore-Windparks

Prinzipiell aber scheint es möglich, Offshore-Windparks auch als Fischgründe zu nutzen. „Statt mit Schleppnetzen zu fischen, könnte man mit Stellnetzen arbeiten“, sagt Kloppmann. „Dafür müssten sich die Fischer mit den Windparkbetreibern einigen.“

Auch gibt es Konzepte, Offshore-Windparks für Marikulturen – Aquakulturen auf hoher See – zu nutzen. Ansätze dazu gibt es bereits. So setzten Forscher der Biologischen Anstalt Helgoland im Sommer 2014 im Rahmen eines Forschungsvorhabens insgesamt 3000 Junghummer im Offshore-Windpark Riffgat aus.

Für die Genehmigung eines Offshore-Windparks sind ökologische Auflagen von hoher Bedeutung. „Ein Betreiber muss zwei Jahre lang sein Planungsgebiet mit Schiffen und Flugzeugen untersuchen und zum Beispiel die dort lebenden und durchziehenden Vogelpopulationen erfassen“, sagt Dr. Nico Nolte vom Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) in Hamburg. Erst dann kann die Behörde darüber entscheiden, ob der Windpark gebaut werden darf oder nicht.

„In der Ostsee haben wir zwei Projekte nicht genehmigen können“, erzählt Nolte. „Sie hätten sich zu negativ auf Meeresenten ausgewirkt.“ Die Windräder hätten mitten in deren Nahrungsgebiet gestanden. Deshalb hätten die Enten, um nach Muscheln zu tauchen, auf tiefere Gewässer ausweichen müssen – was die Bestände womöglich gefährdet hätte.

Darf ein Offshore-Windpark gebaut werden, muss der Betreiber Grenzwerte für den Lärm einhalten und die Ökosysteme im Umfeld der Anlage für geraume Zeit im Auge behalten: Unter anderem muss er Schweinswale und Vögel zählen und Proben vom Meeresgrund nehmen. „Dieses sogenannte Standarduntersuchungskonzept ist ein sehr umfangreiches Programm“, betont Nolte, „umfangreicher als die Programme der Nachbarstaaten.“

Die Ergebnisse aller Offshore-Windparks fließen beim BSH zusammen und werden dort ausgewertet. Dadurch soll im Laufe der Jahre eine solide Datenbasis über das Umwelt-Monitoring entstehen. „Erst dann wird man genauer sagen können, ob die prognostizierten Auswirkungen auf die Meeresumwelt eingetreten sind oder nicht“, sagt Nolte.

„Derzeit lässt sich noch nicht beurteilen, ob die positiven oder die negativen Aspekte überwiegen“, meint auch AWI-Forscher Lars Gutow. „Doch ich denke, man sollte das in einem größeren Zusammenhang sehen.“ Schließlich stoßen Offshore-Windparks keine Treibhausgase aus und mildern dadurch die Klimafolgen auch für den Ozean. Denn je mehr CO2 in der Atmosphäre steckt, umso wärmer und saurer werden die Weltmeere – mit drastischen Folgen für die marine Fauna und Flora.

Ricarda Schuller
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