Das Portal für Offshore-Windenergie

Thema Mensch und Umwelt

09. Sep. 16

Energiewende als Kostenfaktor: Teile der Bevölkerung haben negative Assoziationen beim Stichwort Energiewende. Es gilt, das Vorhaben positiver zu kommunizieren. Nur so entwickelt sich ein Rückhalt, wie die Aktion „Energiewende retten”.

Gemeinsam zum Klimaziel

Die Energiewende ist ein Vorhaben, das nur gelingen kann, wenn sich weite Teile der Bevölkerung daran beteiligen. Dafür ist es notwendig, das Projekt positiver und zielgruppengerechter zu kommunizieren, meinen Experten.

Energiewende als Kostenfaktor: Teile der Bevölkerung haben negative Assoziationen beim Stichwort Energiewende. Es gilt, das Vorhaben positiver zu kommunizieren. Nur so entwickelt sich ein Rückhalt, wie die Aktion „Energiewende retten”.

Von Daniela Becker

Atemberaubendes Design. Kraftvolle Fahrfreude. Mit diesen Worten bewirbt ein bekannter bayrischer Automobilhersteller seine SUVs, motorenstarke Modelle, die Geländewagen ähneln. Wer solche Anzeigen sieht, der verbindet mit diesen Autos unwillkürlich ein Freiheitsgefühl und viel Spaß. Und dann kommen die Beschwerden der Klimaschützer: Durch die Verbrennungsmotoren werden fossile Ressourcen verbraucht, schnell fahren belastet das Klima und überhaupt: solche riesigen Autos braucht doch kein Mensch.

Ähnliches gilt, wenn über die Energiewende gesprochen wird. „Wenn man in die Suchmaschine den Begriff eingibt, dann bekommt man oft eine Steckdose und einen Geldschein als Symbol angezeigt. Die Energiewende hat also mit Strom zu tun und kostet irgendwie Geld – Spaß macht es auf jeden Fall nicht, sich diese Bilder anzusehen“, sagt Professorin Christiane Hipp, Vizepräsidentin für Forschung an der Brandenburgischen Universität. Wenn aber Klimaschutz, Energiesparen oder effiziente Technologien vorwiegend mit negativen Aossoziationen belegt sind, wie soll die Branche dann möglichst viele Menschen für ein solch gewaltiges Projekt wie die Energiewende begeistern?

Spaß an der Energiewende: „etransformers – Superhelden der Energiewende” will Kinder und Jugendliche für Aktivitäten zum Klimaschutz begeistern.

Mit der Lösung dieses Problems beschäftigt sich das Projekt „E-Transform“ als dessen Verbundkoordinatorin Hipp fungiert. „Wir wollen nicht mit dem erhobenen Zeigefinger argumentieren und den Menschen sagen: „Ihr müsst euren Lebensstil ändern!“. Wir wollten Formate und Leitbilder entwickeln, die tatsächlich Informationen transportieren, aber nicht auf die herkömmliche Weise. Wir wollen erreichen, dass ein möglichst großer Teil der Gesellschaft Spaß daran hat an dieser Energiewende teilzuhaben“, fasst Hipp das Ziel des Projektteams, bestehend aus Kommunikationsprofis, Ökonomen aus der Energiewirtschaft und Unternehmensvertretern, zusammen. Der Themenkomplex Energiewende wurde dabei deutlich weiter gefasst, als lediglich eine Diskussion um neue Stromtrassen und Energieerzeugungsstrukturen – es geht darum, dem Paradigma vom ewigen Wirtschaftswachstum eine moderne, ressourcenschonende und freudvolle Perspektive entgegen zu setzen.

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte

„Wir gehen im Projekt davon aus, dass wir mit dem reinen Appell an Vernunft und Verstand über Text und Sprache nicht sehr weit kommen werden. Zudem haben wir aus Kommunikationssicht festgestellt, dass es aktuell einen Paradigmenwechsel ins Visuelle gibt“, sagt Claus Kaelber, der als Medien- und Kommunikationsexperte am Projekt teilgenommen hat. Klingt schlüssig - insbesondere in Hinblick auf die Zulaufraten von Internetplattformen wie Instagram, Snapchat oder Youtube. „Wir müssen uns daher überlegen, wie Bildbausteine aussehen können, die zukünftige Alltagsperspektiven besonders reizvoll und attraktiv darstellen und dabei eine andere inhaltliche Ausrichtung haben als die alten Erzählungen vom „höher, schneller, weiter,“ sagt Kaelber. Im städtisch-urbanen Kontext ließen sich eine Menge Elemente identifizieren, die sich in ein attraktives Narrativ übersetzen lassen: Fahrrad statt Auto, kleinere Fahrzeuge statt Spritfresser, die smarte und flexible Nutzung von erneuerbarer Energie, regionale Ernährung und kurze Transportwege. Akteure, die die Energiewende gestalten wollen, so Kaelbers Rat, sollten sich anschauen, wie etablierte Marken mit Bildern, Sprache und Medieneinsatz umgehen – und davon für den eigenen Zweck lernen. Beispielhaft sei etwa ein Ausstellungskonzept der Stadt Frankfurt, das mit den „Etransformers – Superhelden der Energiewende“, Figuren angelehnt an den erfolgreichen Actionfilm „Transformers“, Kinder und Jugendliche für Aktivitäten zum Klimaschutz begeistern will.

Videospiele sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Umso mehr eignen sie sich, um viele Menschen zu erreichen. In „Block‘hood” baut der Spieler in Siedlungsblöcken eine Nachbarschaft auf, die über ein funktionierendes, städtisches – aber nachhaltiges – Ökosystem verfügen soll.

Videospiele gegen den Klimawandel

Eine andere Möglichkeit, Aspekte der Energiewende auf lustige und spielerische Weise zu vermitteln, mit der sich auch das Projekt E-Transform beschäftigt, sind Computer- und Handyspiele. Ein Format, das bei Kindern und Jugendlichen, aber auch vielen Erwachsenen, extrem beliebt ist und die Massen mobilisieren kann – wie etwa der jüngste Erfolg von Pokémon Go zeigt. Wie so etwas funktionieren kann, zeigt das Spiel Block‘hood, diesjähriger Gewinner des von der Organisation „Games for Change“ ausgelobten Wettbewerbs zum Thema Klimawandel. Bei Block‘hood baut der Spieler in Siedlungsblöcken eine Nachbarschaft auf, die selbst Ressourcen produziert und verbraucht. Ziel ist es, ein funktionierendes, städtisches – aber nachhaltiges –Ökosystem aufzubauen. Erneuerbare Energien wie Windräder und Solaranlagen spielen in der Visualisierung ganz selbstverständlich eine Rolle.

Partizipation durch virtuelle Realitäten

Auch mithilfe virtueller Realitäten lassen sich komplexe Sachverhalte ganz anders darstellen als etwa mit reinen Textbeschreibungen. Beispiel Kreativquartier München: Auf dem ehemaligen Kasernengelände will die bayrische Landeshauptstadt ein urbanes Stadtquartier entwickeln, in dem Wohnen und Arbeiten mit Kunst, Kultur und Wissen verknüpft werden. „Bei solchen Stadtentwicklungen sind Beteiligungsprozesse wichtig. Aber oft sind die Planer viel detaillierter in dem Projekt drin als die direkt Betroffenen, die nur rudimentär Einblicke in diese Veränderungsprozesse haben,“ sagt Kaelber. Im Rahmen des Projekts E-Transform wurde deshalb ein Virtual-Reality-Werkzeug entwickelt, mit dem allen Beteiligten anschaulich aufzeigt werden kann, was dort gerade passiert, aber auch wie zukünftige Nutzungsszenarien, Konzepte für die Verkehrs- und Wohnungsplanung sowie der Versorgungsstruktur aussehen. Ein solches Instrument kann, so die Idee der Projektverantwortlichen, bei jeglichen Entwicklungsprojekten wie etwa Stromnetzen, neuen Kraftwerken und Speichern oder digitalen Infrastrukturen eingesetzt werden. So werden Bezugsgruppen mit Veränderungen vertraut gemacht und ihnen wird eine qualifizierte Diskussionsgrundlage geboten.

Unterstützung für intelligente Energieversorgung: Entega hat zu Testzwecken eine App entwickelt, die E-Auto-Nutzern dabei hilft, die Ladezeiten ihres Autos besser zu planen.

Das intelligente Netz mitgestalten

Intelligente Netze, auch Smart Grids genannt, gelten als wichtige Komponente der Energiewende, um erneuerbare Energien sicher in das Stromnetz einzubinden. „Im Energiesystem stehen dadurch viele Veränderungen an, die Rolle der Energieversorger ändert sich und es gibt viele neue Akteure, wie Bürger, die als sogenannte Prosumenten auftreten und eigene Energieerzeuger, die Photovoltaik-Anlagen, Speicher oder E-Fahrzeuge betreiben. Daher ist eine partizipative Gestaltung des Themas wichtig“, sagt Esther Hoffmann, Wissenschaftlerin am Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW). Wie das gelingen kann, wurde im Projekt „InnoSmart“ erprobt. Diskussionen mit Fokusgruppen haben ergeben: die meisten Menschen stehen intelligenten Netzanwendungen grundsätzlich positiv gegenüber. „Es gibt aber auch Bedenken. Etwa, dass Smart Grids zu höheren Energiepreisen für Verbraucher führen könnten. Oder es werden soziale Ungleichheiten befürchtet, weil nur Verbraucher mit eigenen Solaranlagen profitieren und Mieter abhängig von Strompreisen bleiben. Auch wurde befürchtet, dass manche Haushalte durch flexible Stromtarife benachteiligt werden, da sie aufgrund von Alltagszwängen keine Möglichkeiten haben, Stromverbräuche zeitlich zu verschieben. Viele Menschen fühlen sich schlicht zu wenig informiert“, sagt Hoffmann.

Ein Instrument, mit dem Bürger und Energieversorgungsunternehmen gemeinsam an smarten Anwendungen arbeiten können, sind so genannte Nutzerinnovationsworkshops. Das Energieversorgungsunternehmen Entega hat auf dieser Weise zum Beispiel erforscht, unter welchen Bedingungen sich Bürger vorstellen können, ihr Auto an eine Ladestation anzuschließen und es flexibel be- und entladen zu lassen, wenn das für den Netzbetrieb sinnvoll ist. „Der Workshop hat einerseits gezeigt, dass grundsätzlich eine große Bereitschaft da ist und andererseits deutlich gemacht, wo Alltagsroutine und Sicherheitsbedürfnisse Grenzen setzen“, sagt Hoffmann. Aus den Ergebnissen des Workshops wurde eine Demoversion einer App entwickelt, mit der E-Auto-Nutzer zum Beispiel bestimmen können, welchen Füllstand ihr Auto zu einer bestimmten Uhrzeit mindestens haben muss. Eine wichtige Erkenntnis aus dem Projekt sei, so Hoffmann, dass es sinnvoll ist, sich frühzeitig mit den Kunden rückzukoppeln. „Das machen zwar viele Unternehmen durch Kundenbefragung und Marktforschung. Aber wir haben die Erfahrung gemacht, dass der Direktaustausch in Workshops, bei denen Leute aus der Entwicklung direkt mit den potenziellen Nutzern in Kontakt kommen, auf beiden Seiten Aha-Effekte auslöst“, so Hoffmann.

Wie diese Nutzereinbindung am besten gelingt, fassen die Mitwirkenden des Projekts „InnoSmart“ in einer Toolbox zusammen, die ab Ende September unter www.partizipativ-innovativ.de veröffentlicht wird. Dort werden Methoden wie Nutzerinnovationsworkshops, Fokusgruppen oder Lead-User-Workshops mit konkreten Anwendungsbeispielen beschrieben und praktische Tipps für ihre Anwendung gegeben. Auch für Kommunen finden sich Methoden und Ansätze, um die Bevölkerung einzubinden. Auch das Projekt „E-Transform“ will in Kürze einen Leitfaden vorstellen, in dem Gemeinden, Kommunalvertreter und Unternehmen Positivbeispiele und Methodik finden sowie sich Impulse holen können, wie sich Bürger besser in die Energiewende einbinden lassen.

Steffen Kück
Artikel speichern gespeichert

Artikel zur Merkliste hinzugefügt