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Thema Mensch und Umwelt

20. Mär. 18

Warum sich Klimaschutz auszahlt

Wir trennen den Müll, wir kaufen regional, wir fordern von der Politik strenge Klimaziele. Und dann jetten wir per Billigflug um die Welt. Wie wir Denken und Handeln in Einklang bringen – ohne gleich asketisch zu werden

Ein Essay von Gregor Kessler

Donald Trump hat seine Rede im Rosengarten des Weißen Hauses noch nicht einmal beendet, da schäumt bereits die Empörung: Als der US-Präsident im vergangenen Juni verkündet, das Pariser Klimaschutzabkommen verlassen zu wollen, bricht weltweit ein Sturm der Entrüstung los.

Viel ist dabei von Ignoranz die Rede. Schließlich sei die Klimawissenschaft eindeutig. Oft aber auch von Verantwortung. Als zweitgrößter Klimasünder müssten die USA ihren Teil dazu beitragen, die schlimmsten Folgen der Erderhitzung abzuwenden.

Gerade in Deutschland  Heimat der Energiewende, Hort der Mülltrennung – schimpfen viele.

Auf internationaler Bühne gibt Angela Merkel gern die Klimakanzlerin. Dabei bleibt Deutschland hinter seinen selbstgesteckten Zielen weit zurück. Das Foto entstand 2007 auf Grönland.

Wir wissen ja, dass wir dem Klima schaden – und trotzdem handeln wir nicht. Kognitive Dissonanz nennt sich so etwas

Denn der Klimawandel treibt die Deutschen um. Kriege, Terroranschläge, Flüchtlinge: Kein Thema beunruhigt die Menschen hierzulande mehr als die Folgen des weltweiten Temperaturanstiegs, zeigt eine Umfrage aus dem vergangenen Jahr.

Die weit verbreitete Sorge führt bei vielen zu einem latent schlechten Gewissen aber nur bei sehr wenigen zu einem veränderten Handeln. Obwohl wir alle wissen, dass beim Verbrennen von Öl klimaschädliches CO2 entsteht, fliegen wir Deutschen Jahr für Jahr häufiger, lassen wir das Auto nicht öfter stehen. Kaum jemand hat Schwierigkeiten, das Problem zu verstehen  fast allen aber scheitern daran, die Konsequenzen der Erkenntnis umzusetzen. Kognitive Dissonanz nennt sich so etwas.

Die Bundesregierung geht mit schlechtem Beispiel voran. Auf internationaler Bühne nennt Angela Merkel den Klimawandel oft eine Frage des Überlebens. Das Pariser Abkommen pries sie wiederholt als „historisch“. Noch im Wahlkampf versprach sie vor laufender Kamera, alles zu tun, um das deutsche Klimaziel für das Jahr 2020 doch noch zu erreichen.

Davon ist inzwischen keine Rede mehr. Nach Jahren der klimapolitischen Untätigkeit scheuen sowohl CDU als auch SPD die nötigen Einschnitte vor allem bei der besonders schädlichen Kohle. Klimaschutz findet im Koalitionsvertrag lediglich als Absichtserklärung statt.

Noch zu gründende Kommissionen sollen den Kohleausstieg planen und überlegen, wie auch der Verkehr etwas zu einem besseren Klima beitragen kann. Vielleicht wird dann 2019 über ein Klimagesetz diskutiert. Das Klimaziel für 2030 aber wolle man unbedingt erreichen.

Smells like Zeitspiel.

Fast 200 Staaten feierten 2015 auf dem Gipfel in Paris einen Durchbruch für den Klimaschutz. Doch sichtbare Zeichen haben seither nur wenige Länder gesetzt.

Wenn die Bundesregierung beim Klimaschutz versagt, kann man darüber jammern. Oder einfach bei sich selbst anfangen

Es gibt gute Gründe, sich als besorgter Mensch über die Mutlosigkeit der Politik zu ärgern. Sich zu fragen, wie sich knapp 200 Staaten in Paris 2015 für das internationale Klimaabkommen haben feiern können, wenn sie doch die Konsequenzen ihrer Beschlüsse weiter ignorieren.

Bessere Gründe gibt es, nach den Konsequenzen dieser Beschlüsse für das eigene Leben zu fragen. Auch wenn dieser Transfer aus vielfältigen Gründen schwierig ist. Schließlich ist der Klimawandel vergleichsweise langsam, findet zeitversetzt statt, wird durch das Handeln von Milliarden Menschen befeuert und eine direkte Kausalität ist schwer nachzuweisen.

Nicht die CO2-Emmissionen eines einzelnen Atlantikflugs fachen einen Monstersturm an, aber die Folgen unser aller Flüge lassen die Polkappen schmelzen. Darauf ordnungspolitisch mit Verboten zu antworten, ist so unpopulär wie unrealistisch. Marktwirtschaftliche Lösungen, das zeigt der seit Jahren wirkungslose Emissionshandel schon in Europa, sind global nicht durchsetzbar.

Es bleibt die individuelle Verantwortung.

Wie sehr es auf diese beim Klimaschutz ankommt, zeigt etwa der Verkehr - der einzige Bereich, der im vergangenen Vierteljahrhundert keinerlei Beitrag zum Klimaschutz geleistet hat. Seit 1990 ist der Ausstoß an Treibhausgasen auf deutschen Straßen und bei Inlandsflügen nicht wie nötig gesunken, sondern gar noch gestiegen.

Das liegt weniger an der sprichwörtlichen Fahrt zum Briefkasten als an den sehr messbaren Wachstumsraten der Versandhändler und dem resultierenden Lieferverkehr.

Wer Billigtickets kauft, akzeptiert stillschweigend, dass andere für die wahren Kosten des Flugs aufkommen müssen

Vielleicht ist es bequemer, sich drei verschiedene Kleidergrößen zur Anprobe nach Hause schicken zu lassen, als am Samstag durch volle Geschäfte zu tingeln. Doch darüber vergessen oder verdrängen viele: Gratisretouren sind nicht gratis. Für ihre Folgen zahlen wir alle.

Menschen in Kapstadt, deren Trinkwasser womöglich bald rationiert wird, aber auch Bauern in Deutschland, deren Ernten niedriger ausfallen, weil die Insekten fehlen, die zur Bestäubung nötig sind. Obergrenzen für Amazon-Order werden so bald nicht kommen, hoffentlich aber ein paar Überlegungen mehr, bevor der nächste Bestell-Button geklickt wird.

Wenn viele Preise nur einen Teil der Kosten abbilden, müssen wir selbst mindestens im Kopf den Rest ergänzen – und erst danach entscheiden. Man muss kein Klimaforscher sein, um zu ahnen, dass ein Flug nach London nicht neun Euro kosten kann.

Die gesellschaftlichen Kosten einer Tonne CO2, durch Gesundheitsschäden, Ernteausfälle oder Anpassungen an häufigere Stürme liegen laut dem Umweltbundesamt bei 80 Euro. Wer Billigtickets kauft, akzeptiert stillschweigend, dass andere die Differenz zum tatsächlichen Preis zahlen müssen.

Das ist kein Aufruf zu spaßbefreiter Enthaltsamkeit, keine Empfehlung zum schuldbewussten Dauerblick auf den CO2-Rechner. Es ist ein Denkanstoß.

Einen, den beim Essen viele gar nicht mehr nötig haben. Wenn im Januar Erdbeeren aus Marokko im Supermarktregal stehen, dann bleiben sie heute oft liegen. Weniger des Preises wegen, als vielmehr, weil den Menschen die Auswüchse einer globalen Lebensmittelindustrie nicht mehr geheuer sind.

Der österreichische Ökonom Christian Felber gibt mit seinem Konzept der Gemeinwohlökonomie eine Antwort auf die Herausforderungen des Klimawandels – und stößt damit auf viel Zustimmung.

Es ist die Sehnsucht nach dem guten Leben, die immer mehr Menschen dazu bringt, ihr Verhalten zu ändern

Sie wissen, dass eine „alles und immer“-Angebotspolitik, bei der Früchte über Tausende von Kilometern bis in deutsche Obstauslagen reisen, ungesund ist – für das Klima und oft auch die Gesundheit. Kein Früchtchen übersteht eine so lange Reise frisch und unbehandelt.

Auch deshalb geben drei Viertel der Deutschen an, Wert auf regionale Lebensmittel zu legen. Das bedeutet längst noch nicht, dass nur noch ein Viertel der Deutschen Essen kauft, das nicht aus ihrem Landkreis stammt – doch es bedeutet, dass da ein Bedürfnis ist, das es viele Jahre nicht gab.

Ein Bedürfnis nach etwas, das sich das gute Leben nennen lässt. Nicht so, wie Wolfram Siebeck es vielleicht definiert hätte, als Rinderbraten mit Spätburgunder. Es geht dabei nicht primär um Genuss sondern um Gerechtigkeit.

Durch eine Art des Konsums, die weniger auf Kosten anderer geht als es in deutschen Einkaufszentren mit Zwei-Euro-T-Shirts und Billigfleisch im Kilopack noch immer der Fall ist. Und durch eine Art des Wirtschaftens, dessen Kenngröße nicht mehr allein die Rendite ist, sondern das Wohl der Gemeinschaft.

Als Gemeinwohlökonomie greift diese Idee inzwischen um sich. Ihr Erfinder, der Österreicher Christian Felber, wurde im vergangenen Jahr von der Wochenzeitung „Die Zeit“ ausgezeichnet. Gut 9000 Privatpersonen und mehr als 2000 Unternehmen unterstützen den Ansatz inzwischen, der auch eine Antwort auf die Herausforderung des Klimawandels seien will.

Es sind nicht nur so genannte Treehugger, weltfremde Ökozausel, die nach einem guten, einem gerechteren Lebensstil suchen und bereit sind, dafür etwas zu tun.

There are no jobs on a dead planet: Es geht nicht allein um den Schutz des Klimas – sondern um unsere Lebensgrundlage

Daran schließlich entscheidet sich vieles: an der Bereitschaft, die ökologische Komfortzone zu verlassen und sich zu fragen, ob der Planet tatsächlich allein durch das Trennen von Müllzu retten ist.

Wie kommt es etwa, dass zwar gut 90 Prozent der Deutschen mehr erneuerbare Energien wollen, aber nur jeder Zehnte angibt, Ökostrom zu beziehen? Woran liegt es, dass die meisten weniger Fleisch essen wollen, aber der Deutsche im Schnitt noch immer mehr als ein Kilo davon pro Woche verspeisen? Weshalb befürwortet eine überwältigende Mehrheit, dass Verkehr in Städten weniger auf das Auto ausgerichtet wird und doch stagniert der Autobestand in Deutschland auf hohem Niveau?

Neben den kognitiven Dissonanzen der Deutschen nimmt sich das Wacken Open Air wie ein Schlaflied aus. Sie werden hoffentlich bald auch die letzten wecken. Denn es geht letztlich weniger darum, das Klima zu schützten, als vielmehr die Menschen und ihre Lebensgrundlage.

Wie warnen selbst Gewerkschaftler inzwischen so treffend: There are no jobs on a dead planet.

Volker Kühn
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