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Thema Mensch und Umwelt

24. Jul. 17

Die Mär von der gestoppten Erderwärmung

Sie galt als eines der größten Rätsel der Klimaforschung: die Stagnation der Erderhitzung zwischen 1998 und 2012. Forscher liefen zur Höchstform auf, um Erklärungen zu finden. Jetzt scheint das Rätsel gelöst.

Von Christoph Lindemann

Für Klimaskeptiker war es ein gefundenes Fressen: Da malte der Weltklimarat regelrechte Horrorszenarien an die Wand, und dann machte die globale Erwärmung plötzlich eine Pause. In der Zeit von 1998 bis 2012 stagnierte die globale Durchschnittstemperatur. Wenn überhaupt ein Anstieg zu verzeichnen war, dann minimal. Tatsächlich waren viele der ersten Ankündigungen der Klimaforscher zu pessimistisch. Dem Phänomen nahmen sich zahlreiche Wisenschaftler an. Und sie kamen zu den unterschiedlichsten Erklärungen. Grund seien zum Beispiel Vulkanausbrüche oder Ozeanströmungen, die Sonne oder Winde.

Doch auch, wenn viele der Prophezeiungen der Klimaforscher nicht – oder erst zeitverzögert – eingetreten sind, bedeutet die Pause beim Aufheizen der Erde keinerlei Entwarnung. In einer neuen Betrachtung, die im renommierten Fachmagazin „Nature“ veröffentlicht wurde, sind die Wissenschaftler dem Phänomen noch einmal auf den Grund gegangen. Das Ergebnis: Die angebliche Pause war gar keine.

Stürmische Wellen an einem Pier im US-Bundesstaat Kalifornien: Etwa alle zwei bis sieben Jahren verändert El Nino die Strömungen im Pazifik - mit Auswirkungen auf das Klima in den Anreinerstaaten.

Ein Großteil der Erderhitzung wird von den Meeren aufgenommen. Auswirkungen auf die Lufttemperatur zeigen sich erst verzögert

Tatsächlich ist der Zeitraum ab 1998 gut gewählt, wenn es darum gehen soll, die globale Erwärmung zu leugnen. Denn Ende 1997 machte ein Phänomen von sich reden, das die südamerikanischen Anrainerstaaten geradezu fürchten: El Niño – eine Strömungsumkehr im Pazifischen Ozean, die in Südamerika zu hohen Temperaturen führt. Das Phänomen hob sogar die globale Durchschnittstemperatur, sodass 1998 zu einem Rekordjahr und zu einem der wärmsten in der Geschichte der Wetteraufzeichnungen wurde.

El Niño hatte aber noch einen anderen Effekt. Aus den Tiefen des Ozeans gelangten große Mengen an kaltem Wasser in die oberen Bereiche des Ozeans. Sie konnten große Mengen an Wärme aufnehmen und führten anschließend dazu, dass der Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur abnahm. In den Folgejahren war daher sogar ein Rückgang der Temperaturen zu verzeichnen.

Der Ozean ist nach den neuesten Erkenntnissen tatsächlich einer der wichtigsten Faktoren für die Stagnation der Erderwärmung. Die Klimamodelle, die in ihren Prognosen allesamt falsch lagen, haben die Lufttemperatur der Erdoberfläche zugrunde gelegt. Es ist allerdings davon auszugehen, dass ein großer Teil der Wärme aus der Atmosphäre in die Tiefsee geleitet wurde. Die Datenlage in diesem Bereich ist sehr dünn. Zwar gibt es einige Bojen, die die Wärme der Ozeane erfassen. Diese Zahl ist jedoch so gering, dass die Aussagekraft der erhobenen Daten kaum ins Gewicht fällt.

Aschewolken über dem Eyjafjallajökull in Island: Vulkanausbrüche stören nicht nur den Flugverkehr, sie beeinflussen auch das Klima.

Viele Faktoren haben auf das Klima Einfluss. Vulkanasche in der Atmosphäre etwa reduziert die Sonneneinstrahlung

Die Klimaforscher hatten im Zeitraum der Stagnation noch weitere Größen ausfindig gemacht, die einen Temperaturanstieg auf der Erde bremsen könnten. Nicht ohne Ironie ist dabei die Luftverschmutzung in Asien zu nennen: Die Staubpartikel hindern die Sonnenstrahlen daran, bis auf die Erdoberfläche vorzudringen. Einen ähnlichen Effekt sollen mehrere kleinere Vulkanausbrüche und die damit verbundenen Staubemissionen gehabt haben. Wie groß der Einfluss von Vulkanen auf das weltweite Wetter ist, hat die Menschheit bereits mehrfach auf dramatische Weise erlebt, etwa bei der Eruption des Tambora 1815. Und nicht zuletzt ist die schwankende Sonnenaktivität ein Grund, wieso die Erde sich weniger stark erwärmt hat.

Das alles zeigt: Auf das Weltklima gibt es viele Einflussgrößen. Die politischen Botschaften sind klar, das menschliche Wissen über die genauen Zusammenhänge jedoch nach wie vor begrenzt.

Der „Butterfly-Effect“-Theorie zufolge reicht der Flügelschlag eines Schmetterlings aus, um durch die Luftverwirbelungen das Wetter zu beeinflussen. Kleine Ursache, große Wirkung – das macht die Wetterprognose so schwierig, wenn sie über die kommenden drei Tage hinausgehen soll.

Kohlekraftwerk in China: Ähnlich wie Vulkanasche filtert auch Smog das Sonnenlicht und dämpft die Erderhitzung damit kurzzeitig. Langfristig ist der Kohlendioxidausstoß aber ein Treiber des Klimawandels.

Das Klima auf dem Planten hat sich schon immer verändert. Der Einfluss des Menschen auf die Erderhitzung dagegen ist neu

Aber: Klima ist nicht gleich Wetter. Während beim Wetter die kurzfristige Vorhersage gewünscht ist, erfasst das Klima langfristige Tendenzen, also Zyklen von 30, wenn nicht gar 50 Jahren. Hier ist das Fazit klar: Die Phase der Stagnation in den Jahren 1998 bis 2012 ist gerade einmal eine kleine Delle in der Entwicklung der globalen Temperatur. Seit dem Beginn der Industrialisierung kennt die Klimakurve nur eine Richtung: nach oben. So ist die Durchschnittstemperatur seit dem Beginn der Wetteraufzeichnungen bis zur Gegenwart um 0,8 Grad gestiegen. Der Graph im Koordinatensystem ist eindeutig. Das zeigt auch diese Betrachtung der globalen Durchschnittstemperatur über die 100 Jahre zwischen 1916 und 2016.

14 Jahre sind eine lange Zeit. Im erdgeschichtlichen Maßstab sind sie jedoch nicht mehr als ein Wimpernschlag. Dass sich die Erde aufheizt, ist zweifelsfrei belegt. Die Auswirkungen des Klimawandels zeigen sich heute bereits deutlich. Extreme Wetterphänomene treten häufiger auf, in den Gebirgen schmelzen die Gletscher, Hitzewellen nehmen zu. Die Zahl der Klimaskeptiker dagegen nimmt ab.

Dennoch gibt es noch immer viele, die sagen: „Das Wetter hat sich immer verändert.“ Ohne Zweifel ist diese Einschätzung richtig. Die Ursachen waren in der Vergangenheit allerdings andere: In Zeiten der Dinosaurier sorgte die Plattentektonik für große Mengen Kohlenstoffdioxid (CO2), die den Treibhauseffekt befeuerten.

„Nicht einzelne Jahre sind entscheidend, sondern die langfristige Entwicklung“ Mojib Latif, Klimaforscher

Bei den Eiszeiten sorgten Abweichungen in der Erdumlaufbahn um die Sonne für die starke Abkühlung. Wahrscheinlich gibt es auch heute viele Faktoren, die das Klima auf natürliche Weise beeinflussen. Die Verbrennung fossiler Energieträger und das Freisetzen großer Mengen CO2, die innerhalb von Jahrmillionen von der Natur in Kohle und Öl gebunden wurden, zählt allerdings auch dazu. Dies ist letztlich eine der wenigen Größen, die der Mensch verursacht und auch aktiv beeinflussen kann. Der Anteil von CO2 in der Atmosphäre ist zwar gering, seine Wirksamkeit im Treibhauseffekt ist jedoch wissenschaftlich nachgewiesen.

So überraschend die Stagnation in der Erderwärmung für die Kritiker war und so willkommen sie sie aufgegriffen haben – für die Klimaforscher war sie nicht überraschend. So sagte Deutschlands bekanntester Klimaforscher – Professor Mojib Latif vom Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel – in einem Interview mit dem WWF: Nicht einzelne Jahre sind für die Bewertung der Erderwärmung entscheidend, sondern die langfristige Entwicklung. Aber noch gibt es Hoffnung: So ließe sich die globale Erwärmung, wenn auch nicht verhindern, immerhin bremsen. Dafür ist die CO2-Reduktion dringend erforderlich.

Volker Kühn
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