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Thema Mensch und Umwelt

14. Jun. 17

Die Frage, wie viele Menschen in Deutschland unter Energiearmut leiden, ist nicht eindeutig geklärt. In Hamburg haben die Experten der Caritas im vergangenen Jahr 1500 Haushalte beraten.

Energie-Ersthelfer

Viele Deutsche können ihre Stromrechnung nicht bezahlen – Sozialforscher sprechen von Energiearmut. Rolf Krautter von der Caritas hilft betroffenen Haushalten, Strom zu sparen. Wir haben ihn begleitet

Von Kathinka Burkhardt

Wenn Rolf Krautter zu seinen Kunden fährt, sieht er ein bisschen aus wie ein Notarzt: Kurzärmeliges Hemd, einen silbernen Koffer unter dem Arm, Turnschuhe. Und tatsächlich ist er auch eine Art Ersthelfer: Der 58-Jährige arbeitet als Energieberater bei der Caritas in Hamburg und zeigt Menschen mit geringem Einkommen, wie sie Strom- und Wasser sparen können. Dafür fährt der hochgewachsene Mann jährlich zu knapp 150 Hamburger Betroffenen nach Hause und leistet dort Erste Hilfe in Sachen Energieverbrauch.

Heute klappt Krautter seinen silbernen Koffer im Wohnzimmer von Hartz-IV-Empfängerin Marie Arndt auf. In Wirklichkeit heißt Marie Arndt anders. Vor mehr als zwei Jahren hat die junge Frau ihre Arbeit verloren, seit etwa einem Jahr lebt sie von den 409 Euro Regelsatz und macht derzeit eine Umschulung. Seit Januar muss sie für ihre 60 Quadratmeter große Wohnung monatlich zehn Euro mehr an den Stromanbieter Vattenfall als Abschlagszahlung leisten. Mit nun knapp 50 Euro gehen mittlerweile über zwölf Prozent ihres ohnehin geringen Einkommens im Monat für Strom drauf. Mit der Abrechnung in der Hand blickt sie Krautter zermürbt an. „Ich schreibe mir heute alles auf und schaue, wo ich Ihnen helfen kann“, sagt dieser ruhig.

So wie Marie Arndt geht es immer mehr Menschen in Deutschland. Sozialforscher sprechen dabei von Energiearmut. Eine feste Definition für diesen Begriff gibt es bisher nicht. Aber Institutionen wie die OECD oder die hiesigen Verbraucherzentralen bezeichnen solche Haushalte als energiearm, die mehr als zehn Prozent ihres ohnehin geringen Budgets für Strom ausgeben müssen. Verschiedene Studien gehen davon aus, dass zehn bis 20 Prozent der deutschen Haushalte von Energiearmut betroffen sind.

Rolf Krautter besucht rund 150 Hamburger Haushalte pro Jahr. Möglichkeiten, um den Energieverbrauch zu begrenzen, entdeckt er praktisch immer.

333.000 Stromanschlüsse haben die Versorger 2016 wegen unbezahlter Rechnungen gesperrt. Tendenz: steigend

„Die Zahl derer, die wegen hoher Stromkosten zu uns in die Schuldnerberatung kommen, ist in den vergangenen Jahren auf jeden Fall gestiegen“, sagt Kerstin Föller von der Verbraucherzentrale Hamburg. Mittlerweile schicken Stromanbieter jährlich knapp sechs Millionen Mahnungen an private Haushalte in Deutschland; rund 333.000 Stromanschlüsse wurden 2016 wegen ausstehender Rechnungen abgeklemmt – Tendenz steigend.

Um das Risiko der Energiearmut einzudämmen, wächst bundesweit das Beratungsangebot. Mittlerweile schließen sich sogar Stromanbieter mit Kommunen zusammen – in eigenem Interesse, versteht sich. In einem Pilotprojekt hat zum Beispiel die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen gemeinsam mit acht lokalen Energieversorgern und der Caritas vom Verbraucherschutzministerium gefördert eine fachübergreifende Beratungsoffensive gestartet.

Mit Erfolg: Nicht nur konnten in 86 Prozent der Fälle Stromsperren verhindert und die Energiekosten nachhaltig gesenkt werden. Auch die Versorger profitierten von der Kombination aus Energie- und Schuldnerberatung, da mehr Rechnungen beglichen wurden, mehr Notsituationen gelöst werden konnten und es seltener in den Kundencentern zur Eskalation kam.

Trotz des steigenden Angebots gibt es solche Kooperationen aber es noch zu selten. Dabei werden sie gebraucht. Ursache für Energiearmut sind nicht allein die durch Abgaben wie die EEG-Umlage gestiegenen Energiekosten. „Die Betroffenen stecken oft in einer Spirale, aus der sie nur mit langfristigen Maßnahmen ausbrechen können“, sagt Verbraucherschützerin Föller.

Die Frage, wie viele Menschen in Deutschland unter Energiearmut leiden, ist nicht eindeutig geklärt. In Hamburg haben die Experten der Caritas im vergangenen Jahr 1500 Haushalte beraten.

Geringverdiener können sich oft nur alte, ineffiziente Wohnungen leisten – wo die Stromkosten hoch sind

Viele Hartz-IV-Empfänger und Geringverdiener leben in veralteten, wenig begehrten und wenig energieeffizienten Mietwohnungen, wo sie Kostentreiber wie Nachtspeicherheizungen und Boiler in Kauf nehmen müssen. Ein finanzielles Polster, um sich für ihre alten Kühlschränke oder Waschmaschinen effizientere Geräte anzuschaffen, wird regelmäßig von der Stromrechnung aufgefressen.

Neben der Beratung der Verbraucherzentralen ist der Stromspar-Check des Caritasverbands in mittlerweile 190 Städten eines der wichtigsten Angebote für Empfänger von Hartz-IV, Rentner und Geringverdiener – zumal er kostenlos ist. Deren Ängste kann Energieberater Rolf Krautter gut nachempfinden: Mit fast 50 Jahren wurde er selbst arbeitslos und war trotz langer Berufserfahrung in verschiedenen Branchen „am Arbeitsmarkt schwer vermittelbar“. Über ein von der Arbeitsagentur gefördertes Projekt wurde er 2010 Energieberater bei der Caritas, wo er heute anderen direkt helfen kann. „Bei Strom und Wasser sparen die Leute ja nicht für das Amt, sondern in den eigenen Geldbeutel hinein“, sagt Krautter.

Der Grund: Der Hartz-VI-Satz enthält eine Strompauschale von rund 35 Euro. Marie Arndts bräuchte aber 15 Euro mehr, um ihre monatlichen Stromkosten zu decken. Stattdessen muss sie die finanzielle Lücke aus ihrem restlichem Budget bezahlen, das auf dem Papier für Essen und Kleidung vorgesehen ist. Spart sie bei Strom und Wasser, hat sie mehr Geld für andere Dinge übrig.

Um gar nicht erst in eine Schuldensituation zu geraten, hat sich Marie Arndt vor ein paar Wochen für den Stromsparcheck bei der Caritas angemeldet. Ein Kollege von Krautter hatte in der Einrichtung, in der sie ihre Umschulung macht, einen Vortrag gehalten und Flyer verteilt. „Wir müssen unsere Kunden leider selbst finden, das ist eine Hürde“, sagt Christoph Dreger, der das Stromspar-Check-Projekt der Caritas Hamburg leitet.

Zeitschaltuhren sind ein einfaches Mittel, um den Stromverbrauch zu begrenzen. Die Berater der Caritas bringen Haushalten, die unter Energiearmut leiden, manchmal welche mit.

Die Berater geben nicht nur Tipps, um Strom zu sparen. Sie verschenken auch Zeitschaltuhren und Energiesparlampen

1500 Hamburger Haushalten hat sein zehnköpfiges Team im vergangenen Jahr geholfen. Eine Vermittlung von Betroffenen durch Jobcenter gibt es nicht. Viele Haushalte erreichen Dreger und sein zehnköpfiges Team nur durch Weiterempfehlungen. Dabei ist die Beratung für Haushalte mit geringem Einkommen nicht nur kostenfrei, sondern die Energieberater dürfen pro Stromcheck Energiesparlampen, Wassersparduschköpfen oder Zeitschaltuhren in Höhe von bis zu 70 Euro an die Teilnehmer verschenken. „Aber wenn etwas umsonst ist, sind die Leute einfach skeptisch“, sagt Dreger.

In Marie Arndt Wohnzimmer begutachtet Energieexperte Krautter zunächst ihre Nebenkostenabrechnungen. Laut Stromrechnung verbraucht die junge Frau 1500 Kilowattstunden Strom im Jahr. „Das ist den Energieversorgern zufolge für einen Single-Haushalt zwar normal, aber unserer Erfahrung nach sollte es möglich sein, ihren Verbrauch auf 1400 oder 1300 Kilowattstunden zu bringen – wenn sie keinen Durchlauferhitzer haben!“, sagt Krautter. Arndt schüttelt den Kopf.

Krautter nimmt eine Liste aus dem silbernen Koffer und beginnt seine Bestandsaufnahme im Wohnzimmer: In zwei Aquarien schwimmen kleine Fische, der Fernseher in der Schrankwand ist ausgeschaltet, ein Smartphone liegt auf dem Tisch. „Wie lange haben Sie das Deckenlicht am Tag an?“, fragt er und: „Sind die Aquarien beheizt?“ Zimmer für Zimmer notiert sich Krautter akribisch jedes Stromgerät und jede Lampe, schreibt Wattzahlen und Nutzungsdauer auf, schaut sich jede Glühbirne und Heizquelle an.

In den meisten Lichtquellen hat Arndt bereits Energiesparlampen, andere nutzt sie so selten, dass sich der Austausch erst lohne, wenn die jeweilige Lampe ohnehin durchgebrannt sei, rät Krautter. Auch im Badezimmer hat sie bereits Strahlregler eingesetzt, durch die weniger Wasser durchgelassen werden.

In veralteten, aber günstigen Mietwohnungen stehen oft noch Nachtspeicherheizungen wie dieses Modell aus den Siebzigern. Sie verursachen besonders hohe Energiekosten.

Wer stromfressende Kühlschränke durch effiziente ersetzt, erhält in Hamburg einen Zuschuss. Doch der reicht nicht immer

Aber in der Küche wird Krautter fündig: Arndts Kühlschrank ist alt und entsprechend nicht auf dem höchsten Effizienzstand. „Wenn er zehn Jahre alt ist, können Sie an unserem Austauschprogramm mitmachen“, sagt Krautter. „Das bringt viel.“ Dank eines Förderprogramms der Stadt Hamburg zur Senkung des CO2-Ausstoßes kann die Caritas einen neuen Kühlschrank mit mindestens 100 Euro bezuschussen – wenn er die Energieklasse A++ besitzt und der alte entsorgt wird. Bei A+++ sind es sogar 150 Euro. „Aber solche Geräte sind recht teuer, dass können sich die wenigsten leisten“, erzählt er. A++ gäbe es dagegen manchmal schon ab 130 Euro, so dass der Kunde nicht mehr viel dazugeben muss.

Nach 50 Minuten ist Krautters Besuch bei Marie Arndt vorbei. Der Stromspar-Check aber noch lange nicht. Zurück im Büro gibt der Berater alle Daten und Verbrauchszahlen in eine Datenbank ein und wertet aus, welches die Stromfresser in Arndts Wohnung sind und wie sie sparen kann – mit Erfolg.

Wenn Rolf Krautter demnächst zum zweiten Mal zu Marie Arndt fährt, ist sein silberner Koffer gut gefüllt: Neben ein paar Energiesparlampen bringt er dann zwei Zeitschaltuhren mit. Die knipsen das Halogenlicht in ihren Aquarien und das Zimmerlicht, das sie im Winter für den Kanarienvogel brennen lässt, nach einer gewissen Zeit aus, wenn Arndt selbst nicht zu Hause ist. Mit zwei schaltbaren Steckerleisten kann sie außerdem Standby-Geräte abschalten und mit einem Kühlschrankthermometer wird sie messen können, ob sie die optimale Kühltemperatur nicht auch mit Stufe 2 oder 3 anstatt wie bisher mir Stufe 4 erreichen kann. Ersparnis: gut 50 Euro im Jahr.

Schafft sich die Hartz-IV-Empfängerin mit dem Zuschuss der Caritas auch noch einen besseren Kühlschrank an, sinken ihre Stromkosten noch einmal um die 60 Euro im Jahr. Die Gesamtersparnis durch Krautters Stromcheck läge dann bei 108 Euro im Jahr – fast so viel, wie die gestiegenen Abschlagszahlen auf Marie Arndts Stromrechnung.

Krautter lächelt zufrieden: „Unsere Berechnungen haben immer einen kleinen Puffer. Oft sparen die Haushalte in der Realität sogar noch mehr ein.“

Volker Kühn
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