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Thema Mensch und Umwelt

06. Feb. 17

Eine Fischfarm im Offshore-Windpark?

Der Hunger der Menschen auf Fisch steigt. Doch die Bestände gehen zurück. Wissenschaftler haben untersucht, wie nachhaltige Aquakulturen in Offshore-Windparks gleich mehrere Probleme lösen könnten.

Algenanzuchtkultur von Lappentang und Zuckertang für Bestände in Küstennähe oder weit draußen im Meer.

Freitags gibt’s Fisch. Auch bei Ihnen? 14 Kilo Fischprodukte isst jeder Bundesbürger im Jahr, Tendenz steigend. Weltweit hat nach Angaben der  Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) der durchschnittliche Pro-Kopf-Verbrauch mit 20 Kilo einen Rekordwert erreicht.

Der große Appetit macht den Tieren zu schaffen. Immer mehr Arten sind überfischt oder wurden drastisch reduziert. Weltweit stammt daher ein großer Anteil des Speisefischs und anderer essbarer Meeresbewohner aus so genannten Aquakulturen. In diesen Fischfarmen werden, wie auf Bauernhöfen, Fische gehalten und gefüttert, um sie zu fangen und zu essen.

Doch Aquakulturen kämpfen mit denselben Problemen wie die intensive Landwirtschaft: Wo viele Tiere auf engem Raum gehalten werden, gibt es, vornehm ausgedrückt, Probleme mit den Stoffflüssen. Im Klartext heißt das, dass der Kot der Fische im schlimmsten Fall dazu führen kann, dass komplette Gewässer umkippen und keine weitere Fischzucht möglich ist.

Eignen sich Offshore-Windparks für Aquakulturen?

Gleichzeitig sind die Flächen im Meer begrenzt: Schifffahrtswege, Naturschutzgebiete, militärische Übungsflächen und Offshore-Windparks konkurrieren um den Platz im Meer. Wie wäre es also, wenn man Flächen doppelt nutzen könnte? Mit dieser Frage hat sich ein groß angelegtes Forschungsprojekt unter Führung des Alfred-Wegener-Instituts Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) gewidmet: „Offshore Site Selection für nachhaltige und multifunktionale Nutzung von Meeresgebieten in stark genutzten Meeren am Beispiel der Nordsee (OSS)”.

Die Idee: Wenn schon große Bauwerke wie Offshore-Windparks draußen auf dem Meer errichtet werden, wäre es nicht möglich, diese Flächen auch für Aquakulturen zu nutzen? Dabei ist das Team aus mehreren Forschungseinrichtungen den unterschiedlichsten Fragen nachgegangen: Welche Fischarten eignen sich für die Aquakultur in der rauen Nordsee? Wie müssten Käfige beschaffen sein? Welche Standorte eignen sich aus ökologischer oder ökonomischer Sicht? Welche rechtlichen Fragen gibt es zu bedenken?

Dr. Britta Grote beim Einsetzen der Algen (Lappentang) in die Zuchtanlage.

Doppelte Nutzung hat viele Vorteile

Der Plan klingt bestechend, denn einige Argumente sprechen dafür. „Die Errichtung von Aquakulturen draußen auf dem Meer ist sehr teuer”, sagt Dr. Britta Grote vom AWI. In Küstennähe aber sind in der deutschen Nordsee die Gebiete des Nationalparks tabu. „Wenn nun Aquakulturen in Offshore-Windparks eingerichtet werden, kann die Logistik gemeinsam genutzt werden”, so Grote. Ein zweiter Vorteil: Es böten sich neue Einkommensquellen für Fischer, da die Gebiete der Parks für die freie Fischerei gesperrt sind.

Ein wichtiges Kriterium für die beteiligten Wissenschaftler: Die Eingriffe in die Natur dürfen nicht zu groß werden. „Es gibt keine Produktion ohne Einfluss auf die Umwelt”, sagt Prof. Dr. Ulfert Focken vom Institut für Fischereiökologie des Thünen Instituts. „Doch der Einfluss darf die Lebensgrundlage nicht zerstören.”

Er und sein Team haben daher eine Methode entwickelt, um die Auswirkungen einer Aquakultur in einem Meer mit so großem Wasseraustausch wie der Nordsee überhaupt zu messen. „Man kann als Faustregel sagen, dass die Stoffflüsse aus der Aquakultur fünf bis zehn Prozent der natürlichen Stoffflüsse nicht überschreiten sollten”, erläutert Focken. „Mit normalen Messmethoden lässt sich diese Menge in einem dynamischen System aber kaum nachweisen.”

Zu Hilfe kamen Garnelen und stabile Kohlenstoff- und Stickstoff-Isotope. Isotope sind Atome, deren Atomkerne zwar gleich viele Protonen, aber unterschiedlich viele Neutronen enthalten. Organismen aus unterschiedlichen Lebensräumen wie dem Meer oder Feldern an Land weisen unterschiedliche Isotopensignaturen auf. Und diese werden – mit geringen Veränderungen – in der Nahrungskette weitergegeben. Das haben sich Focken und Kollegen zu Nutze gemacht und Wolfsbarsche in verschiedenen Aquarien mit Futter aus Fischmehl oder pflanzlichen Eiweiß gefüttert.

Garnelen, typische Allesfresser, wurden im Auslauf der einzelnen Aquarien gehalten. Es zeigte sich, dass die Garnelen die Isotopensignatur desjeweiligen Fischfutters widerspiegeln. So könnte auch bei einer Offshore-Aquakulturanlage der Nährstoffeintrag aus dem Fischfutter in die Meeresumwelt erfasst werden.

In der Aquakultur werden nicht nur Fische angesiedelt. Auch so genannte extraktive Arten wie Muscheln, Austern, Krebstiere und Makroalgen gehören dazu.

Nachhaltigkeit ist ein entscheidendes Kriterium

Britta Grote vom AWI hat untersucht, wie sich verschiedene Arten so ansiedeln lassen, dass über den Kot der Fische gar nicht erst zu viele Nährstoffe ins Wasser gelangen. „Wir siedeln in der Aquakultur nicht nur Fische an, sondern auch so genannte extraktive Arten wie Muscheln, Austern, Krebstiere und Makroalgen. Sie nehmen überschüssige Nährstoffe der gefütterten Arten auf und halten die Bilanz im Gleichgewicht.”

Voraussetzung: Die Tiere müssen natürlich in der Nordsee vorkommen, die Bedingungen aushalten und auch das ökonomisches Potenzial sollte gegeben sein – schließlich sollen am Ende die Tiere aus den Aquakulturen auch verkauft werden.

Das Ergebnis: Grundsätzlich ist es möglich, eine nachhaltige Fischwirtschaft in der Nordsee zu betreiben, sagt Grote weiter, aber: „Es hängt alles sehr stark vom Standort des Windparks und der Art der Tiere ab.” Mit Hilfe des Thünen-Instituts für Seefischerei konnten für jeden Windpark Aquakulturkandidaten ermittelt werden. Fingertang, Pazifische Auster und Schellfisch bildeten dabei eine Kombination, die für die nachhaltige Aufzucht in Küstennähe besonders geeignet ist und auch ökonomisch profitabel sein könnte. Weiter draußen fühlen sich dann eher Wolfsbarsch und Fingertang wohl.

Der nächste Schritt wäre ein Pilotprojekt

Und auch wenn noch rechtliche und technische Fragen offen sind, glaubt die Wissenschaftlerin, auch Investoren überzeugen zu können. Der nächste Schritt wäre daher ein Pilotprojekt in der Nordsee, um die Versuche aus dem Labor in die Realität zu übertragen. „Noch reagieren mögliche Interessenten und Betreiber von Offshore-Windparks zurückhaltend”, bedauert Grote.

„Ein Offshore-Windpark ist zunächst mal ein Kraftwerk”, sagt Andreas Wagner, Geschäftsführer der Stiftung Offshore-Windenergie. „Wichtig ist, dass technische Auswirkungen von Anfang an mitgedacht werden.” Grundsätzlich aber sei die Branche dem Thema gegenüber aufgeschlossen. „Wenn sich das Konzept der Doppelnutzung umsetzen lässt, ist es eine Win-win-Situation”, meint Wagner. Man dürfe aber nicht vergessen, dass Die Offshore-Windparks schon jetzt positive Auswirkungen auf die Fischbestände hätten: „Durch das Verbot der Schleppnetzfischerei in den Windparks können sich die Bestände erholen, wie Studien aus Dänemark belegen“, sagt Wagner. Der nächste Schritt könne dann die Mehrfachnutzung der nachhaltigen Energieerzeugung mit einer nachhaltigen Aquakultur sein.

Arbeiten am Lappentang-Becken.

Mecklenburg-Vorpommern empfiehlt Doppelnutzung

Ganz ähnlich sieht das Andree Iffländer, Vorsitzender der Wind Energy Network e.V., für die Ostsee, zumal die Landesregierung Mecklenburg-Vorpommern im neuen Landesraumentwicklungsprogramm die Einrichtung von Aquakulturen in küstennahen Offshore-Windparks als parallele Nutzungen ausdrücklich empfiehlt.

„Ich bin ein bisschen erstaunt darüber, dass die Fischerei darauf gar nicht reagiert”, bedauert er. Die Fischer kritisierten immer den Flächenverlust durch die Offshore-Windparks, würden aber die Chancen für neue Geschäftsfelder nicht sehen, die durch eine Doppelnutzung entstehen könnten.

„Wir sind prinzipiell offen für alles, was ein zusätzliches Standbein für die Fischer sein könnte”, betont hingegen Claus Ubl, Sprecher des Deutschen Fischereiverbandes. Doch noch seien zu viele Fragen ungeklärt. „Und die nötige Forschung können wir nicht finanzieren.”

Wann also die erste Aquakultur – ob nun in Ost- oder Nordsee – eingerichtet wird, ist noch unklar. In der Ostsee sind die küstennahen Projekte noch gar im Bau und in der Nordsee fehlt ein Pilotprojekt. „Noch ist es Zukunftsmusik”, meint auch Iffländer. „Aber wir glauben an diese Idee.”

Larissa Dieckhoff
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