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Thema Mensch und Umwelt

17. Aug. 15

Unter Männern

Warum Frauen in der Offshore-Windkraft manchmal auf Vorbehalte stoßen – und wie sie störrische Männer dazu bekommen, ihren Anweisungen zu folgen.

Wenn Christel Siebens Glück hat bekommt sie einen orangenfarbenen Überlebensanzug in Größe 48 oder 50. Bei einer Körpergröße von 1,66 Metern passt das trotzdem nicht. Offshore-Kleidung ist oft nicht für Frauen ausgelegt.

Von Jarka Kubsova und Carola Felchner

Neulich musste Christel Siebens sich mal wieder vom Helikopter abseilen, bei einem Training, um das sichere Landen auf einer Plattform im Windpark zu üben. Später sah sie sich zusammen mit Kollegen ein Video von dem Einsatz an. Die Rotorblätter kreisten, darunter das dunkle Meer, der weiße Stahlkoloss. Irgendwann war Siebens selbst im Bild zu sehen, und da rutschte es ihr laut heraus: „Oh nee, ich hab sooo einen Hintern!“

„Mädchen“, knurrte einer der Kollegen bloß belustigt.

„Aber das ist so, bei so was bin ich eben ganz normal Frau“, sagt sie.

Christel Siebens, 44 Jahre alt, sportlich schlank, macht eigentlich einen uneitlen Eindruck: keine Schminke, kein Schnickschnack, die Kleidung funktional. Dass der Arbeitsanzug ihr aber regelmäßig die Silhouette versaut, stört sie manchmal doch. „Überall beult der aus und schlabbert.“

Wenn sie Glück hat, bekommt sie einen der orangefarbenen Überlebensanzüge in den Herrengrößen 48 oder 50 ab – das sind die kleinsten. Bei ihrer Körpergröße von 1,66 Meter passt das trotzdem nicht wirklich.

Aber sie muss nehmen, was da ist. Denn Christel Siebens arbeitet im Offshore-Bereich allein unter Männern. Sie ist Teamleiterin der Windtechniker beim Energieunternehmen Dong Energy am Standort Norden-Norddeich in Ostfriesland, zuständig für den Offshore-Windpark Borkum Riffgrund 1.

Als Frau unter vielen Männern muss man sich erst einmal durchsetzen. Da hilft es, wenn man als Frau Zahlen und Fakten liefert und Komptenz beweist.

Auf zehn Männer kommt nicht mal eine Frau

Nicht nur dort sind Frauen eine Ausnahme. Generell sind sie in der Offshore-Branche rar. An den Windturbinen draußen im Meer bauen, klettern und montieren hauptsächlich Männer. Auch an den Standorten an Land, in Führungs- und Verantwortungsposition haben vor allem sie das sagen.

Etwa 18.800 Menschen arbeiten derzeit in dem Bereich, nicht einmal zehn Prozent davon sind Frauen. Auf den Arbeits- und Hotelschiffen, auf denen die Mannschaften teils wochenlang in der Nähe der Windparks leben und arbeiten, ist er noch mal deutlich geringer. Unter Dutzenden Männern finden sich manchmal bloß ein bis zwei Frauen.

Da wird dann schon mal schräg geschaut, wenn eine weibliche Kollegin anrückt. „Jetzt müssen wir uns zusammenreißen, jetzt ist ja eine Frau da“, solche Sätze hört Lisette Böhme öfters. Die 37-jährige Bauingenieurin von Bilfinger Marine & Offshore Systemswar schon unzählige Male draußen, die längste Zeit waren sechs Wochen am Stück.

„Am Anfang wird man häufig etwas beäugt“, sagt Böhme. Im besten Fall. Im schlimmsten weigerten sich Handwerker schon mal, ihre Anweisungen zu befolgen. „Aber das legt sich dann meistens, wenn man sich kennengelernt hat“, sagt Böhme.

Ihrer Erfahrung nach brauchen Männer vor allem nüchterne Argumente. „Wenn eine Frau Zahlen und Fakten liefert und Kompetenz beweist, nehmen sie einen für voll und verstehen, warum sie etwas machen sollen.“ Dünnhäutig dürfe man da nicht sein. „Man muss klare Ansagen machen und viel arbeiten, dann klappt das auch als Frau unter Männern ganz gut.“

Gelobt wird trotzdem nicht. „Anerkennung äußert sich dadurch, dass man eine Aufgabe nochmals übertragen bekommt“, sagt Böhme.

Etliche Male hat Christel Siebens den Job gewechselt, weil ihr die Arbeit zu ereignislos waren. Heute ist sie Führungskraft bei DONG Energy und damit eine von wenigen Führungsfrauen in der Branche.

Auf See ist Fitness gefragt

Auch körperlich müssen Frauen bei der Arbeit in den Windparks mithalten können. „Draußen brauchst du Muckis und Kondition“, sagt Christel Siebens. „Eine Turbine in Montur, Rettungsweste und Kletterausrüstung zu erklimmen, ist ein Kraftakt.“ Hinzu kommen Wind, Wellengang und Witterung – und lange Schichten. Eine Arbeitsphase dauert in der Regel zwölf Stunden.

Die rauen Bedingungen offshore sind nicht der einzige Grund, warum dort nur wenige Frauen arbeiten. „Dazu kommt, dass es oft um Ingenieurposten geht. Und in dem Bereich sind Frauen leider immer noch unterrepräsentiert“, sagt Wim Keen, der als Headhunter beim Personalberatungsnetzwerk Antal International auf den Bereich On- und Offshore-Wind spezialisiert ist. Dieses Jahr hat er bisher nur zwei Frauen vermittelt, in Assistenzstellen. Eine Vermittlung in höhere Positionen sei noch viel seltener.

Die wenigen Frauen, die es dorthin geschafft haben, sind manchmal auf verschlungenen Wegen gekommen. Irina Lucke etwa, Geschäftsführerin von EWE Offshore Service & Solutions– bisher die einzige Frau auf dieser Ebene – hatte mit ihrem Diplom in Umweltwissenschaften zunächst beim Emissionshaus König & Cie begonnen.

Ihre Projekte dort waren Biogasanlagen und Photovoltaik. Den Einstieg in die Offshore-Projektleitung ein paar Jahre später bezeichnet sie als Sprung ins kalte Wasser. „Den ich aber bis heute keine Sekunde bereue“, sagt Lucke.

Wie bei den meisten Menschen aus ihrem Umfeld, sei ihre Faszination für Offshore ungebrochen. „Dieser Zweig entwickelt sich noch, vieles ist im Aufbau. Standards, Prozesse und Routine gibt es nur bedingt, sodass kein Alltag aufkommt, keine Wiederholungen“, sagt Lucke. „Diese Stimmung gibt es nur in sehr wenigen Branchen.“

In dieser Stimmung hat auch Christel Siebens endlich gefunden, was ihr zuvor oft fehlte. Etliche Male hatte sie ihren Job gewechselt, weil er ihr zu ereignislos war. Mit diesem Antrieb legte sie eine beachtliche Karriere hin, von der Bürokauffrau über die Geschäftsführung eines Baumarkts sowie Disponenten- und Personaler-Jobs bis zur Führungskraft bei Dong.

Manchmal haben Frauen auch Vorteile wenn sie offshore arbeiten. Auf Hotel- und Errichterschiffen bekommen sie Einzelkabinen während ihre männlichen Kollegen sich oftmals eine Kabine teilen müssen.

Männer bieten manchmal auch Vorteile

Dass sie schon vorher eher in Männerdomänen unterwegs war, sei eine gute Schule gewesen. „Ich habe mit den unterschiedlichsten Charakteren zu tun gehabt, mich haut so schnell nichts um“, sagt Siebens. „Meine früheren männlichen Kollegen haben mir Vieles nicht zugetraut und mich oft ausgeschlossen“, sagt sie. „Aber inzwischen habe ich es zu schätzen gelernt, mit Männern zu arbeiten. Sie sind direkt und gerade aus.“ Das mache Manches einfacher.

Aber mitunter brauche es eben auch weibliche Stärken. „Du kannst so einen Einsatz da draußen nicht antreten, wenn dich etwas plagt, du musst absolut fit sein“, sagt Siebens. „Das ist hier auch eine meiner Aufgaben: immer zu wissen, ob mit den Jungs in meinen Team alles okay ist. Denn die merken gern mal etwas erst dann, wenn es schon zu spät ist.“ Da sind Empathie und Feingefühl gefragt.

Frauen im Team können einem Betrieb gar zu besseren Leistungen verhelfen. „Viele Studien belegen, dass gemischte Gruppen anders funktionieren als gleichgeschlechtliche“, sagt die Psychologin Monika Henn, die sich auf Karrieremanagement für Frauen spezialisiert hat. „Je mehr Frauen in einem Team sind, desto mehr kann ein Gruppenergebnis gesteigert werden.“

Allerdings hält der Effekt nur bis zu einer bestimmten Anzahl. Wird diese überschritten, kippt der Effekt. „Reine Frauengruppen sind dann wieder weniger effektiv“, sagt Henn. Und Frauen führen anders. Um nicht als „Mannweib“ oder „Karrierezicke“ zu erscheinen, würden erfolgreiche Managerinnen laut Henn häufig einen eigenen, weiblichen, teamorientierten Führungsstil entwickeln, bei dem die Geführten Vertrauen, Respekt, Loyalität und Bewunderung empfinden – und dadurch überdurchschnittliche Leistungen erbringen.

Siebens Arbeitgeber hätte nichts dagegen, sich noch mehr weiblicher Kompetenz ins Haus zu holen. Im Gegenteil. Bei Dong Energy in Norden-Norddeich stehen zwei Umkleideräume mit vielen Plätzen für Frauen bereit. Eine ist komplett ungenutzt. In der anderen ist bisher einzig der Spind von Christel Siebens belegt. „Noch habe ich es richtig komfortabel“, sagt sie.

Dieser kleine Vorteil kann einer Frau auch auf einem der Errichter- oder Hotelschiffen zufallen. „Dann bekommt man eine Einzelkabine zur Verfügung“, sagt Lucke. „Je nach Schiff ist sie besonders klein, da eine Einzelbelegung selten vorgesehen ist, oder angenehm groß.“

Es kann aber auch ganz anders kommen, das hat Lisette Böhme erlebt. Sie musste sich eine Einzelkammer häufig mit männlichen Kollegen teilen – meist einem anderen Bauleiter, der die zweite Zwölf-Stunden-Schicht hatte, sodass sie sich im Grunde nur bei der Übergabe sahen. Einmal wurde sie aber mit einem Kollegen zusammengelegt, der ähnliche Arbeitszeiten wie sie hatte.

Manchmal treten bei der Arbeit draußen in den Windparks die Unterschiede zwischen Mann und Frau in den Hintergrund. Wenn das Wetter feindlich wird, müsse jeder auf jeden aufpassen. Da müsse man sich aufeinander verlassen, so Christel Siebens.

Der Gang zur Toilette wird zur Logistikaufgabe

„Mir war dann wichtig, klare Regeln aufzustellen, wie etwa: 'Ich gehe jetzt Duschen und ins Bett, komm nicht vor einer halben Stunde in die Kammer.'“

Häufig stünden an Bord zudem halboffene Toiletten in den gemeinsamen Umkleideräumen. Auch da muss Böhme mitunter an der Logistik feilen. Im Zweifel nimmt sie lieber einen Umweg zu einer anderen Toilette in Kauf – oder sie geht extra früh in die Umkleide, um schon fertig zu sein, wenn die Männer anfangen, sich auszuziehen.

Mittlerweile stellt sich der Offshore-Betrieb aber zunehmend auf weibliches Personal ein. Beim Bau ihrer neuen Servicestationen auf Helgoland etwa war es für Eon und WindMW selbstverständlich, auch großzügige Räumlichkeiten für Frauen einzuplanen.

Noch sind sie zwar weitestgehend ungenutzt. Aber das könne schon bald anders aussehen – meint zumindest Headhunter Wim Keen: „Der Bereich ist in Deutschland noch jung“, sagt er. Aber überall werde aufgerüstet. „Gut möglich, dass sich am Frauenanteil bald etwas ändert.“

Auch Irina Lucke glaubt, dass es noch mehr Frauen in höhere Positionen schaffen werden. „Einige sind ja schon in der Offshore-Branche“, sagt Lucke. „Es ist daher hoffentlich nur noch eine Frage der Zeit, bis ich Gesellschaft bekomme.“

Manchmal bei der Arbeit draußen in den Windparks, treten die Unterschiede zwischen Mann und Frau ohnehin in den Hintergrund. Zum Beispiel wenn das Wetter plötzlich feindlich wird, der Wellengang zu hoch für einen Übertritt auf die Turbine erscheint. „Da muss jeder auf jeden aufpassen, da muss sich jeder auf jeden verlassen können“, sagt Christel Siebens. „Man muss ein Kommando akzeptieren und umsetzen.“

Dann ist es egal ob man Mann oder Frau ist. Dann muss man nur eines sein: ein richtig guter Kollege.

Ricarda Schuller
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