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Thema Mensch und Umwelt

04. Okt. 16

Hotelschiff vor dramatischer Kulisse: Die „Wind Ambition“ liegt etwas abseits des Parks in der Morgendämmerung. Hier ist ein Siemens-Team untergebracht – und genießt Annehmlichkeiten wie einen Kinosaal und einen Massageservice.

Alltag? Abenteuer!

Raues Wetter, lange Schichten, enge Kabinen: Wer auf der „Edda Fjord” im Windpark Borkum Riffgrund 1 arbeitet, muss aus besonderem Holz geschnitzt sein. Zu Besuch auf dem Wartungsschiff in der Nordsee

Kreuzfahrtflair in der Nordsee: Die Schichten in den Windturbinen sind kräftezehrend und lang. Aber wenn die Augustsonne über Borkum Riffgrund 1 strahlt und das Meer silbern glitzert, ist es leicht, der Faszination dieser Arbeitswelt zu erliegen.

Von Volker Kühn

Als die Nacht über Norddeich am schwärzesten ist, geht auf der „Largo“ im Osthafen das Licht an. Es ist kurz vor drei, in einer Stunde soll der 27 Meter lange Katamaran mit seinem stählernen Doppelrumpf auslaufen. Sein Ziel: Der Offshore-Windpark Borkum Riffgrund 1, gut 50 Kilometer vor der ostfriesischen Küste.

Am Kai wartet bereits eine Gruppe von acht Männern. Sie stehen eng beisammen, um sich gegenseitig vor dem Wind zu schützen, der in dieser Nacht viel heftiger bläst, als man es Mitte August erwarten würde. Wenigstens der Regen hat aufgehört. Einige arbeiten für den Turbinenhersteller Siemens, andere für den Windparkbetreiber Dong Energy. Alle haben müde Augen, aber ein Elektriker unter ihnen ist besonders blass. Er freue sich ja auf den Einsatz da draußen, versichert der 39-Jährige. Aber bevor es losgeht, wird ihm regelmäßig flau im Magen. Zu oft hat ihn die Seekrankheit erwischt, das war selbst in seiner Zeit bei der Marine schon so.

Dass der Kapitän der „Largo“ mit den anderen Männern über die in dieser Nacht besonders raue See scherzt, hilft da nicht gerade. Wenig später machen die Männer es sich auf den Ledersesseln im Inneren des Katamarans so bequem wie möglich. Der Elektriker schließt die Augen. Ein wenig schlafen jetzt, das wäre gut. Schließlich liegt vor ihm nicht nur eine wilde Überfahrt, sondern auch eine lange Schicht.

Das Erlebnis in der offenen Nordsee entschädigt für so manches

Die „Largo“ wird ihn auf die „Edda Fjord” bringen, ein in Norwegen gebautes Arbeitsschiff, das für die Wartung der 78 Windräder von Borkum Riffgrund 1 in der Nordsee stationiert ist. Zwei Wochen wird er dort sein, jeden Tag zwölf Stunden arbeiten und die verbleibende Zeit in seiner schmalen Koje oder den eher karg ausgestatteten Aufenthaltsräumen an Bord verbringen. Aber er hat es ja so gewollt. Er liebt diesen Job. Wie bei so vielen Männern und Frauen in der Offshore-Windkraft tritt ein Glanz in seine Augen, wenn er von der Arbeit auf See erzählt.

Die Trennung von Familie und Freunden, die langen Schichten, das raue Wetter, die beengten Verhältnisse auf den Schiffen und in den Windturbinen, selbst die Seekrankheit – all das spielt keine Rolle mehr, wenn man einmal für dieses Leben Feuer gefangen hat. „Das da draußen ist wie ein Abenteuerspielplatz für Erwachsene,” sagt der 39-Jährige. Natürlich sind auch die Verdienstmöglichkeiten nicht unwichtig. „Was ich in der Offshore-Windkraft bekomme, hätte ich an Land nicht mal ansatzweise auf dem Lohnzettel“, sagt einer der anderen Techniker an Bord. Er stammt aus der Nähe von Norddeich. Die Jobs liegen hier in Ostfriesland nicht gerade auf der Straße. Viele junge Menschen verlassen die Region deshalb, sobald sie die Schule oder eine Lehre hinter sich haben. Doch mit der jungen Offshore-Windindustrie entstehen seit einigen Jahren neue Jobs, die ihnen die Chance geben, in der Heimat zu bleiben.

Hochhaus auf Stahlstelzen: Die Umspannstation im Windpark Borkum Riffgrund 1 ragt weit über den Katamaran, der hier drei Techniker absetzt. Vor ihnen liegt eine lange Schicht. Erst am Abend sollen sie wieder abgeholt und zurück in den Hafen Norddeich gebracht werden.

Die beiden Motoren der „Largo” heulen auf, die Kaimauer und das Gebäude des Windparkbetreibers Dong Energy dahinter verschwinden in der Nacht. Ein Crewmitglied löscht das Licht im Bauch des Schiffs, die Männer versuchen so gut es geht, auf den Ledersesseln Schlaf zu finden. Doch kaum hat der Katamaran den Hafen verlassen, werfen ihn die Wellen heftig hin und her. Die gefederten Sessel quietschen bei jeder Bewegung, mit der sie das Rollen und Stampfen, das Kippen und Stürzen der „Largo” ausgleichen.

Hinter Norderney wird das Meer zu wild. Die „Largo” sucht Deckung

Das Schiff ist noch nicht lang unterwegs, als der Kapitän die Motoren drosselt. Von oben aus der Brücke dringt undeutlich seine Stimme zu den Männern herunter. Er spricht offenbar ins Funkgerät, vielleicht mit der „Edda Fjord” oder dem Hafen. Die See ist ihm zu wild, so viel wird klar. Er will die nächste Stunde im Schutz der Insel Norderney abwarten, bevor er sich aufs offene Meer wagt. Klar, wenn die Wellen zu hoch sind, können die Männer unmöglich von der „Largo” auf die „Edda Fjord“ oder die stählerne Umspannstation übersteigen, die den Strom im Windpark sammelt und zum Festland schickt. Die Gefahr wäre zu groß, dass sie dabei abstürzen. Nicht umsonst muss jeder, der offshore arbeitet, den Überstieg regelmäßig trainieren.

Im Schutz der Insel lässt das Rollen des Schiffs spürbar nach, die Wellen heben und senken es jetzt gleichmäßiger. An Bord breitet sich Schlaf aus. Die meisten Männer erwachen erst, als das Schwarz hinter den Fenstern längst einem Grau gewichen ist. Von Minute zu Minute wird es heller und die See – wer hätte das nach dieser stürmischen Nacht geahnt – ruhiger.

3500 Tonnen schwer, fünf Stockwerke hoch: Die „Largo” dockt an ein stählernes Ungetüm an

Die Largo hat inzwischen fast die OSS erreicht: die Offshore Substation, zu Deutsch Umspannstation. OSS ist eine der vielen englischen Abkürzungen, von der die Sprache der Monteure und Ingenieure auf See nur so wimmelt.
TP etwa steht für Transition Piece und bezeichnet das gelb gestrichene Verbindungsstück zwischen dem Fundament der Windräder und dem untersten Segment der Türme. Und die „Largo“ ist im allgemeinen Sprachgebrauch nicht etwa ein Zubringerschiff, sondern ein CTV – ein Crew Transfer Vessel. Die OSS ragt jetzt hoch über der „Largo“ auf. Vorsichtig steuert der Kapitän das Schiff mit dem Bug gegen die Leiter, die hinauf in das stählerne Ungetüm führt. 3500 Tonnen schwer und fünf Stockwerke hoch stützt es sich mitsamt seinem Helikopterdeck auf vier massive, im Meeresgrund verankerte Stahlträger.

Als das Gummi am Bug der „Largo“ auf die Leiter trifft, gibt der Kapitän Schub, um das Schiff in einer möglichst stabilen Position zu halten. Am Heck wirbelt das Meer auf. Ein Mitglied der dreiköpfigen Crew versichert sich, dass die Wellen nicht zu hoch sind, und gibt dann drei Technikern einen Wink. Nacheinander erklimmen sie mit Helm, Overall und Rettungsweste die Leiter, gesichert durch ein Seil. Sie werden den Tag auf der Umspannstation mit Wartungsarbeiten verbringen. Am Abend soll ein CTV sie abholen und zurück nach Norddeich bringen. Für die „Largo“ aber geht es jetzt zum nächsten Ziel der Fahrt, zur „Edda Fjord“. Das sogenannte SOV – ein Service Operation Vessel – zeichnet sich an der anderen Seite des Windparks im Morgengrauen ab.

Arbeitstier mit rustikalem Charme: Die „Edda Fjord“ ist sehr viel spärlicher ausgestattet als Hotelschiffe vom Typ der „Wind Ambition“. Doch für die Wartung der Windräder eignet sie sich besser – nicht zuletzt, weil sie reichlich Platz zur Lagerung des Materials bietet.

Auf Hotelschiffen haben die Techniker sogar einen Kinosaal. Auf der „Edda Fjord“ ist es eng

Fast 100 Meter lang und 22 Meter breit – die Maße der „Edda Fjord“ nehmen sich imposant aus. Doch im Vergleich zu anderen Schiffen, von denen aus Windparks gewartet werden, ist sie eher klein.

Fast schon wehmütig zeigt einer der Techniker durch das Fenster der „Largo” auf ein weiteres Schiff im Park, die „Wind Ambition“. Früher war sie eine Skandinavien-Fähre, heute ist sie ein Wohnschiff. „Da waren wir zuerst untergebracht“, sagt der Techniker. „Da gab es einen Kinosaal und sogar eine Masseurin.“

Doch vor Kurzem sind rund 60 Mitarbeiter von Dong und Siemens auf die „Edda Fjord“ umgezogen, an der die „Largo“ jetzt andockt. Sie verfügt über einen großen Kran und einen Turm mit einer schwenkbaren Gangway, von der aus die Monteure direkt auf die Windräder übersteigen können. Zudem bietet sie auf dem flachen Deck viel Platz, um Material zu lagern. Alles unschlagbare Vorteile gegenüber dem Wohnschiff.

Als die „Largo“ mit dem Bug an der Bordwand der „Edda Fjord“ andockt, ist die See glatt wie ein Ententeich. Der Überstieg wird kein Problem sein. Erleichtert schnappt sich der leicht seekranke Elektriker seinen Rucksack. Ihm ist noch immer nicht ganz wohl, geschlafen hat er kaum. Aber immerhin musste er sich nicht übergeben. Er würde sich jetzt gern in die Koje legen. Stattdessen beginnt sein Arbeitstag erst so richtig. Das erste Abenteuer hat er heute schon hinter sich.

Plötzlich stehen alle Windräder still: Lesen Sie im zweiten Teil unserer Reportage, wie die Männer und Frauen auf der „Edda Fjord“ eine heikle Situation meistern.

Larissa Dieckhoff
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