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Thema Mensch und Umwelt

18. Sep. 15

Karrierechancen für Charakterköpfe

Der Fachkräftemangel ist auch in der Offshore-Branche zu spüren. Besonders gesucht im Moment: Experten aus dem Bereich Elektronik. Karrierechancen bieten sich vor allem denen, die mehr mitbringen als reines Fachwissen.

Beim Anlagenhersteller Adwen würden derzeit vor allem Techniker gesucht, so Winfried Reiprich, Vice President Human Resources bei Adwen.

Wenn draußen auf See riesige Windenergieanlagen errichtet werden, geht das nur mit gut ausgebildeten Fachkräften, die wissen, was sie tun. Denn trotz aller Sicherheitsmaßnahmen - ein Bürojob ist es nicht. Jeder muss sich auf den anderen verlassen können, jeder Handgriff muss sitzen.

Facharbeiter, die eine gute Ausbildung in Mechatronik, Elektronik oder als Elektriker mit Zusatzqualifikation mitbringen, sind deshalb derzeit besonders gefragt. „Wir suchen derzeit vor allem Techniker“, bestätigt Winfried Reiprich, Vice-President Human Resources beim Anlagenhersteller Adwen.

Der Grund: Nicht nur der Ausbau der Offshore-Windenergie kommt in Fahrt, es sind auch etliche Parks bereits in Betrieb. Auch wenn viele Tätigkeiten vom Land per Fernüberwachung geregelt werden können, müssen doch Servicetechniker für regelmäßige Wartung auf See sein. Und der Bedarf wächst mit jedem Park, der neu errichtet wird.

Wer sich für eine Karriere als Techniker in der Offshore-Windenergie interessiert, braucht allerdings mehr als die rein fachliche Qualifikation: Höhen- und Hochseetauglichkeit sind unverzichtbare Eigenschaften, über die jeder verfügen muss, der offshore arbeiten möchte.

Außerdem vor dem Einsatz erforderlich: eine spezielle Sicherheitsschulung - die PSA-Schulung gegen Absturz -, um mit der der persönlichen Schutzausrüstung auch umgehen zu können sowie ein Offshore-Sicherheitstraining mit Hubschrauber-Unterwasserausstieg.

In der Offshore-Branche ist vor allem Teamfähigkeit gefragt. In der Regel sind Offshore-Teams zwei Wochen lang auf der Baustelle und arbeiten jeweils zwölf Stunden in Wechselschichten.

Fehlende Qualifikation wird nachgeholt

Doch noch andere Herausforderungen gilt es zu meistern: Die Teams sind in der Regel zwei Wochen lang auf der Baustelle oder im fertigen Windpark zur Wartung und arbeiten jeweils zwölf Stunden in Wechselschichten. Auch wenn das Wetter schlecht ist, muss gewartet werden.

„Da ist Teamfähigkeit gefragt“, sagt Kirsten Neumann, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Innovation und Technik, die in einer Studie das Berufsfeld Offshore-Windenergie untersucht hat. Auch die zweiwöchige Trennung von Familie und Freundeskreis müssen die Mitarbeiter wollen und akzeptieren. „Es gibt in Deutschland noch keine Offshore-Tradition und deshalb auch noch keine gelebte Arbeitskultur“, so Neumann. Statt sich an Vorbildern zu orientieren, müssen die Arbeiter und ihre Familien eigene Wege finden.

 „Fast noch wichtiger als die fachliche Kompetenz sind die Charaktereigenschaften eines Mitarbeiters“, sagt auch Matthias Brandt, Vorstand Deutsche Windtechnik AG, die als herstellerunabhängiges Unternehmen Service für Windparks und Umspannstationen anbietet. „Verlässlichkeit, Teamfähigkeit, Belastbarkeit, Begeisterungsfähigkeit, Ausgeglichenheit und Flexibilität“, nennt er die wichtigsten Eigenschaften eines Servicetechnikers, der auf See arbeitet.

Deshalb sind die Offshore-Unternehmen bereit, ihre Mitarbeiter bei fehlenden Zusatzausbildungen oder Zertifikaten aktiv zu unterstützen. „Natürlich ist es von Vorteil, wenn ein Mitarbeiter bestimmte Zertifikate schon hat, aber vieles ist sehr stark auf die einzelne Stelle bezogen“, sagt Christina Hörbelt, Personalberaterin für Norddeutschland bei Siemens Wind Power. So beurteilt sie in den persönlichen Gesprächen auch das Potenzial des Bewerbers. Lücken könnten dann „on the job“ nachgeschult werden.

„Wir erwarten auch von unseren Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen die Offenheit und Bereitschaft, sich weiterzubilden“, betont Winfried Reiprich von Adwen. Dafür bietet das Unternehmen dann vielfältige Karrieremöglichkeit: Ein Facharbeiter kann sich zum Inbetriebnehmer weiterentwickeln, der verantwortlich für die Inbetriebnahme der Windenergieanlagen ist.

Und, nicht unwichtig, der Einsatz auf See zahlt sich finanziell aus: „Durch die Zuschläge bringt es ein Mechatroniker, der draußen im Einsatz ist, auf eine deutliche Steigerung des monatlichen Nettos“, sagt Winfried Reiprich.

In der Offshore-Branche seien Persönlichkeiten gefragt, die Mut hätten und lösungsorientiert arbeiteten, so Markus Schwarzenböck, Vice President Human Resources bei Siemens Wind Power.

Elektroingenieure und Projektmanager mit Blick fürs Ganze

Doch nicht nur Facharbeiter werden gesucht. Ebenfalls gefragt: Ingenieure aus dem Bereich Elektrotechnik und Projektmanager, die im besten Fall schon Erfahrung aus anderen großen Bauprojekten mitbringen.

Und auch hier sind Eigenschaften von Vorteil, die Ingenieure in anderen Branchen nicht unbedingt brauchen. „Die Offshore-Branche ist eine junge Branche, viele Abläufe sind noch nicht so austariert, wie das etwa in der KFZ-Branche der Fall ist“, erläutert Markus Schwarzenböck, Vice President Human Resources bei Siemens Wind Power. „Wir brauchen daher Persönlichkeiten, die Mut haben, lösungsorientiert arbeiten, die sich fragen: Wo können wir Schritte nach vorne machen?“

Um den Einstieg in die Branche als Ingenieur zu schaffen, ist ein technisches Studium Voraussetzung. „Ich rate davon ab, sich zu früh zu spezialisieren“, sagt Dr. Bernd Georg Spies, als Partner bei der internationalen Personalberatung Russell Reynolds vor allem in der Energiebranche tätig. „Man sollte sich nicht zu früh verengen.“

Viel wichtiger sei es, sich gerade in der Offshore-Branche den Blick für anderes zu bewahren: „Das Umfeld ist sehr komplex - als Ingenieur muss ich ökologische und politische Fragen immer mit im Blick behalten.“ Außerdem empfiehlt Spies, sich schon früh um zwei zusätzliche Qualifikationen zu bemühen: Projektmanagement und Fremdsprachen - auch über Englisch hinaus.

Die Anforderungen sind also hoch, egal ob für Facharbeiter oder für Ingenieure. Dafür bietet die Branche aber auch gerade jenen einen attraktiven Arbeitsplatz, die selbst etwas gestalten wollen. „Ich habe keine Probleme, Branchenfremde für die Windbranche zu interessieren“, sagt Bernd Georg Spies. „Viele wollen an der gesellschaftlich wichtigen Frage einer sauberen Energieversorgung mitwirken.“

„Mit jeder Turbine verbessern wir die Welt - das ist schon ein Satz, der potenzielle Mitarbeiter anzieht“, bestätigt Markus Schwarzenböck. Außerdem seien die wirtschaftlichen Aussichten gut, es gebe ein riesiges Potenzial für die Offshore-Windenergie. „Es gibt einen besonderen Windspirit, der auch mich als gebürtigen Süddeutschen gepackt hat - der macht unsere Branche so faszinierend.“

Ricarda Schuller
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