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06. Okt. 16

Inmitten des Windparks Borkum-Riffgrund 1 liegt die Umspannstation. Hier läuft der Strom aus den Windrädern zusammen, bevor er zur Küste fließt. Im Krisenfall kann ein Notstromaggregat auf der Plattform aber auch die Windräder mit Energie versorgen.

Plötzlich steht der Windpark still

22 Männer arbeiten draußen in den Turbinen von Borkum-Riffgrund 1, als der Netzbetreiber den Windpark plötzlich abschaltet. Jetzt muss die Einsatzleitung entscheiden: Sollen sie evakuiert werden?

Die gute Seele an Bord: Christel Siebens leitet das Team von Dong Energy auf der „Edda Fjord”. Von ihrem schmalen Büro aus hält sie Kontakt zur Betriebszentrale im rund 50 Kilometer entfernten Hafen Norddeich.

Lesen Sie hier den ersten Teil der Reportage: Alltag? Abenteuer!


Von Volker Kühn

Als das Wort „Evakuierung” die Runde macht, liegt die „Edda Fjord“ fast reglos in der spiegelglatten Nordsee. Die Sonne scheint, eine Sommerbrise streift über das Deck, im Speiseraum sitzen Männer aus der Nachtschicht entspannt bei einem späten Frühstück. Nichts deutet auf eine Krise oder gar einen Notfall hin.

Und doch runzelt Christel Siebens die Stirn. Etwas beunruhigt die Teamleiterin von Dong Energy. Sie steht auf einem der Balkone hoch über den Decksaufbauten der „Edda Fjord“ und blickt hinaus in den Windpark. Was nicht stimmt, wird erst beim zweiten Blick klar: Die Turbinen stehen still. Nicht ein einziges der 78 Windräder von Borkum-Riffgrund 1 dreht sich. „Der Park wurde abgeschaltet”, erklärt Siebens. Der Netzbetreiber Tennet hat quasi den Stecker gezogen.

Aber warum? Darauf hat sie im Moment keine Antwort. Vielleicht liegt es an einer Überlastung im Netz, die Tennet durch die Abschaltung des Windparks ausgleichen musste – ein Problem, das wegen des schleppenden Ausbaus der Höchstspannungsleitungen immer öfter vorkommt und hohe Kosten verursacht. Oder gab es irgendwo einen technischen Defekt? Es ist ein Rätsel für die Besatzung auf der „Edda”. Und ein Problem für Christel Siebens.

Die Betriebszentrale von Dong Energy am Hafen von Norddeich: Regelmäßig legen Transferschiffe hier an und ab, um Material zu holen oder Techniker zur „Edda Fjord“ zu bringen und abzuholen.

Denn sie muss nun gemeinsam mit ihren Kollegen von Siemens und der Betriebszentrale von Dong Energy am Hafen in Norddeich entscheiden, was mit den Teams geschehen soll, die gerade draußen auf den Windrädern sind. Sollen sie evakuiert und zurück auf die „Edda“ geholt werden?

Ohne Strom wird es auch in einem Vier-Megawatt-Windrad dunkel

Das Schiff ist für die jährlichen Wartungsarbeiten in dem Windpark stationiert, der rund 50 Kilometer vor der ostfriesischen Küste liegt und bei starkem Wind genügend Energie erzeugt, um rechnerisch rund 320.000 Haushalte zu versorgen. Teams aus meist drei Männern werden dazu auf die Windräder gebracht, wo sie bis zu zwölf Stunden im Einsatz sind, bevor die nächste Schicht übernimmt. Gearbeitet wird rund um die Uhr, sieben Tage die Woche. Jetzt im Sommer weht der Wind vergleichsweise schwach. Deshalb ist es die beste Zeit für die rund 70 Männer von Siemens und Dong Energy an Bord der „Edda“, um die Windräder eines nach dem anderen vorübergehend anzuhalten und gründlich zu warten. Schließlich sollen sie reibungslos funktionieren, wenn im Herbst und Winter die Stürme über die Nordsee jagen.

Bis gerade eben lief alles nach Plan. Doch jetzt hat die Stilllegung des Windparks den Wartungsteams einen Strich durch die Rechnung gemacht. 22 Männer sind gerade draußen. Und so bizarr es auch klingen mag – sie haben in den Windrädern mit ihren Vier-Megawatt-Turbinen keinen Strom. Denn die Elektronik vor Ort wird über die Umspannstation im Windpark versorgt. Eine Weile noch leuchtet das Licht im Innern, dann wird es dunkel. Auch der kleine Aufzug fährt nicht mehr; die Gondel, die 87 Meter hoch über dem Meeresspiegel schwebt, ist nur noch über die Leitern zu erreichen.

Wenn die orangenen Seesäcke per Kran auf eins der Zubringerschiffe verladen werden sollen, fasst auch Christel Siebens mit an. Die Säcke enthalten das Arbeitsmaterial und Ersatzteile, die für die Wartung der Windräder benötigt werden.

Noch immer weiß niemand, warum der Windpark abgeschaltet wurde

Natürlich sind die Windräder so ausgestattet, dass die Teams dort auch längere Zeiten überstehen könnten – es gibt zum Beispiel Notfallrationen. Aber niemand will die Männer dort im Ungewissen warten lassen. Am allerwenigsten Christel Siebens.

14 Uhr, Lagebesprechung. Siebens sitzt in ihrem schmalen Büro auf der „Edda“ vor dem Computer und wählt sich in die Skype-Konferenz mit der Betriebszentrale in Norddeich ein. Die Verbindung hakt, aber nicht so stark, dass die Besprechung unmöglich wäre. Die Unterhaltung findet auf Englisch statt, wie fast immer hier draußen, wo viele Kollegen aus England, Schottland oder Dänemark arbeiten. Noch immer gibt es keine Information darüber, warum der Park stillsteht, so viel wird in der Konferenz schnell klar.

Einer erwähnt das Problem der „offenen Hubs“: Die Gondeln der Windräder können während der Wartung elektrisch geöffnet werden. Dann fährt ein Kran heraus, mit dem die Männer das Arbeitsmaterial heraufholen, das sie zuvor unten am Eingang des Turms auf dem sogenannten Transition Piece gelagert haben. Einige dieser Hubs stehen gerade offen und können nun nicht geschlossen werden, weil kein Strom fließt. Deshalb muss womöglich das dieselbetriebene Notstromaggregat auf der Umspannstation im Windpark einspringen – auch wenn die Verantwortlichen gern darauf verzichten würden. Nur in Notfällen wie diesem, in denen es um die Sicherheit der Teams und der Anlagen geht, kommt es zum Einsatz.

Es gibt zudem noch ein weiteres Problem: Der Motor eines der drei kleinen Katamarane im Windpark läuft wegen eines Defekts nur mit halber Kraft. Diese sogenannten Crew Transfer Vessels bringen die Teams von der „Edda“ auf die Windmühlen oder zum Hafen in Norddeich. Trotzdem beschließen die Verantwortlichen, die Männer von den Windrädern zu evakuieren – auch wenn es nun etwas länger dauert.

Manchmal hat selbst die rustikale „Edda Fjord“ ein bisschen was von einem Kreuzfahrtschiff. Vor allem, wenn die Sonne vom Himmel brennt und oben an der Galerie noch ein Stuhl frei ist.

„Nichtstun ist schlimmer als die härteste Maloche”, klagt ein Arbeiter über die Zwangspause

Christel Siebens kappt die Skype-Verbindung und seufzt. „Das wird mal wieder ein aufregender Tag.” Die 45-Jährige ist bei diesem Einsatz so etwas wie die gute Seele des Dong-Teams an Bord. Sie hat immer ein aufmunterndes Wort für die Männer übrig, sie erkundigt sich nach ihren Familien und erinnert sie, wenn sie mal ihre Transferzeiten zum Hafen vergessen haben.

Neben einer Köchin von den Philippinen ist sie derzeit die einzige Frau an Bord. Um Respekt in dieser  Männerwelt muss sie dennoch nicht kämpfen. „Christel macht ihren Job super”, sagt einer der Monteure. Als sie zum ersten Mal von der Offshore-Windkraft hörte, sei sie skeptisch gewesen, gibt Siebens zu. „Ich war mir nicht sicher, ob das in der Nordsee wirklich funktionieren würde.” Inzwischen ist sie stolz, dass die ersten Windparks laufen – und sie ihren Teil dazu beiträgt.

Nach und nach erreichen die Teams von den Windrädern die „Edda Fjord”. An Bord wird es voller. Es passt den Männern nicht, dass sie ihre Arbeit abbrechen mussten. „Nichtstun ist schlimmer als die härteste Maloche”, sagt ein Mann mit starkem ostfriesischen Akzent. Einige trotten in ihre Kojen, um zu schlafen, andere verteilen sich auf den Ledersofas im Fernsehraum oder setzen sich draußen auf Deck in die Sonne.

Es soll einen Defekt in einem Seekabel gegeben haben, heißt es inzwischen. Die Zwangspause wird wohl noch etwas dauern. Lang genug jedenfalls für ein Sonnenbad. Die sonst so rustikale „Edda Fjord” hat in diesem Moment ein bisschen was von einem Kreuzfahrtschiff.

Larissa Dieckhoff
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