Das Portal für Offshore-Windenergie

Thema Faszination und Technik

18. Aug. 17

Tausche Wind gegen Wasser

Deutschland zapft Norwegen an: Über das 623 Kilometer lange Nordlink-Kabel fließt ab 2020 Strom aus Wasserkraft nach Süden. Umgekehrt können deutsche Windparks ihre Überschüsse in den Norden liefern

Von Volker Kühn

Wäre das hier ein Kinofilm, würde die Kamera mit einer Nahaufnahme des Gartentischs beginnen und dann langsam aufzoomen. Zuerst sähe man nur die Tassen und Teller direkt von oben, dann kämen die kleine Gruppe von Urlaubern ringsherum ins Bild, die rot-weiße Holzhütte, der Mast mit der Norwegen-Fahne, die bemooste Felskante und schließlich das tiefblaue Wasser, das träge dagegenschwappt. Perfekte Ferienstimmung am Vollesfjord in Südnorwegen.

Nur ein tiefes, gleichmäßiges Brummen stört die Szenerie. Dann zoomt die Kamera noch weiter auf, und die Ursache wird sichtbar: Ein gewaltiges Schiff liegt mit sonor dröhnenden Dieselmotoren auf dem Wasser, nur einen Steinwurf von den Urlaubern am Gartentisch entfernt.

Es ist die „Nexans Skagerrak“, eines der größten Kabelverlegungsschiffe der Welt. Sie ist an diesem Augustmorgen im Vollesfjord, um die Energiewende in Europa einen entscheidenden Schritt voranzubringen: mit einem Seekabel, das ab 2020 die Strommärkte Deutschlands und Norwegens verbinden soll. Die ersten 124 Kilometer davon hat sie an Bord.

In den kommenden Tagen wird die „Skagerrak“ ihre mehr als 6000 Tonnen schwere Fracht nach und nach von ihrer gewaltigen Kabeltrommel abspulen und auf ihrem Weg Richtung Süden ins Wasser hinabgleiten lassen. Ein zweites Schiff wird ihr folgen und das Kabel mithilfe eines Unterwasserschlittens bis zu zwei Meter tief in den Meeresboden eingraben.

Ist die Leitung mit dem Namen Nordlink schließlich fertig, hat sie eine Gesamtlänge von 623 Kilometer und eine Kapazität von 1400 Megawatt. Das entspricht in etwa der Leistung des aktuell größten deutschen Atomkraftwerks Isar 2. Nordlink wird allerdings nicht für Atomenergie gebaut, sondern für Ökostrom: Das Kabel soll deutsche Windparks und norwegische Wasserkraftwerke miteinander verbinden und so die Versorgung mit sauberer Energie an beiden Enden der Leitung stabilisieren.

So entspannt wie die Norweger in ihren kleinen Ferienhäuschen am Vollesfjord reagieren Anwohner in Deutschland selten auf Infrastrukturprojekte der Größenordnung von Nordlink. Tennet-Vorstand Lex Hartman bezeichnete die Leitung im Interview mit Energie-Winde deshalb sogar schon als sein „Lieblingskabel“.

Das Stromnetz in Europa wächst zusammen – und Norwegen übernimmt die Rolle einer Batterie des Kontinents

Um zu erklären, wie das funktioniert, greift Stein H. Auno zu seinem Smartphone. Der Manager des norwegischen Netzbetreibers Statnett wischt sich durch die Menüs, bis eine Nordeuropa-Karte erscheint. Blaue Pfeile darauf geben an, in welche Richtung der Strom durch die Netze der Region fließt. „Wir exportieren mal wieder kräftig“, freut sich Auno.

Keine der fünf Preiszonen, in die Norwegen unterteilt ist, führt zu diesem Zeitpunkt Strom aus dem Ausland ein. Stattdessen fließt er über die Landesgrenzen nach Russland, Finnland und Schweden sowie durch zwei Seekabel nach Dänemark und Holland.

Mit Nordlink, verlegt von einem Konsortium aus Statnett, dem niederländischen Netzbetreiber Tennet und der KfW-Bank, kommt nun eine weitere Trasse hinzu. Parallel läuft der Bau einer Leitung ins britische Blyth. Damit wächst die ohnehin große Bedeutung Norwegens für Europas Stromversorgung. Das Land im hohen Norden mit seinen 5,2 Millionen Einwohnern wird mehr und mehr zur Batterie des Kontinents.

Der Grund sind seine gewaltigen Wasserkraftwerke. Nirgendwo in Europa sind die Bedingungen für Wasserkraft günstiger als im regenreichen Norwegen mit seinen steilen Fjordwänden und den Seen in den fast menschenleeren Hochebenen darüber. Sind die Speicher komplett gefüllt, könnten sie theoretisch 82 Terawattstunden Strom liefern – fast ein Fünftel des gesamten deutschen Jahresverbrauchs. 2016 hat Norwegen seine Trassen ins Ausland zu 80 Prozent für Exporte genutzt, nur zu 20 Prozent für Importe.

„Wir haben viel mehr Energie, als wir brauchen“, sagt Statnett-Manager Auno, der Nordlink als Projektleiter auf norwegischer Seite verantwortet. „Und Deutschland braucht nach dem Atomausstieg neue Quellen. Von dem Kabel profitieren also beide Seiten.“

Durch Nordlink fließt Gleichstrom. Die Technologie ermöglicht es, Energie fast verlustfrei zu transportieren

Am Vollesfjord steigt unterdessen die Spannung. 30 Meter unter dem Rumpf der „Skagerrak“ überwacht eine Kamera den ersten heiklen Moment des Tages: Das Kabel, samt Ummantelung dick wie ein Bein, wird an ein Stahlseil angeschlossen, das es in den Eingang eines schmalen Tunnels ziehen soll. Er verläuft unter dem Gartentisch der Urlauber entlang, schraubt sich tief im Fels nach oben und endet 400 Meter später auf der Bergkuppe.

Dort entsteht derzeit eine sogenannte Kabelübergangsanlage, ein großes Gebäude, von dem das Seekabel an eine Freileitung angeschlossen wird. Sie verläuft über 50 Kilometer bis zu einer weiteren Großbaustelle bei Tonstad. Hier errichtet der Schweizer Industriekonzern ABB auf einer Fläche von 16 Fußballfeldern eine Konverterstation.

Sie ist nötig, weil durch Nordlink Gleichstrom fließt – eine Technologie, die es erlaubt, Energie über große Distanzen nahezu verlustfrei transportieren. Bevor der Strom ins Hochspannungsnetz eingespeist und verteilt werden kann, muss er allerdings in Wechselstrom umgewandelt werden. Deshalb baut ABB nicht nur auf norwegischer Seite in Tonstad, sondern auch im schleswig-holsteinischen Wilster die dazu erforderlichen Anlagen.

Auch in der Offshore-Windkraft werden solche Koverterstationen eingesetzt – gewaltige Kisten im Hochhausformat, die auf Fundamenten in der Nordsee stehen.

Nordlink hat aber noch eine weitere Besonderheit: Das Kabel funktioniert in beide Richtungen. In weniger als einer Stunde kann es von Import- auf Exportbetrieb geschaltet werden.

Am späten Vormittag strahlt Ragnhild Katteland über das ganze Gesicht. Die Managerin des französischen Kabelherstellers Nexans ist verantwortlich für die Anlandung des Kabels – und das ist soeben unversehrt aus dem Tunnelausgang oben am Fjord gekommen. „Der schwierigste Teil ist geschafft“, freut sie sich und beobachtet, wie eine Winde das Kabel nun über die nächsten Meter bis zur Übergangsanlage zieht.

Auch in Deutschland sind die Bagger angerückt. Zwischen Wilster und Büsum verläuft Nordlink als Erdkabel

Nexans, nach eigenen Angaben einer der drei größten Kabelproduzenten weltweit, wird Nordlink vom Vollesfjord bis an die Grenze der deutsch-dänischen Hoheitsgewässer ziehen. Die Verlegung auf deutscher Seite ist für Sommer nächsten Jahres geplant. Dafür ist das dänische Unternehmen NKT zuständig, das Anfang des Jahres die Kabelsparte von ABB samt dem Nordlink-Projekt für knapp 840 Millionen Euro übernommen hat.

An Land laufen die Bauarbeiten in Schleswig-Holstein bereits, im September war der offizielle Spatenstich in Wilster. Von dort verlaufen die ersten 54 Kilometer bis Büsum als Erdkabel, wobei unter anderem der Nord-Ostsee-Kanal unterquert werden muss. Anschließend geht es als Seekabel durchs Wattenmeer gen Norden.

„Wir kommen gut voran“, sagt der zuständige Tennet-Projektleiter Gunnar Spengel. Er sieht in Nordlink die Antwort auf eine der drängendsten Fragen der Energiewende: die schwankende Erzeugung von Wind- und Solarkraft. „Wenn es über der Nordsee stürmt und wir einen Stromüberschuss in Deutschland haben, sodass die Preise fallen, kann sich Norwegen mit günstigem Windstrom versorgen und seine Wasserreservoirs schonen“, sagt er. „Und umgekehrt stabilisiert die norwegische Wasserkraft die Versorgung in Deutschland, wenn hier Flaute herrscht.“

Auch Schleswig-Holsteins grüner Umweltminister Robert Habeck spricht von einer Win-win-Situation: „Mit Nordlink verbinden wir zwei sich optimal ergänzende Systeme zum Austausch von erneuerbaren Energien“, erklärte er beim Spatenstich in Wilster.

Durch die Kopplung von Wind- und Wasserkraft sollen saubere Quellen zunehmend konventionelle Kraftwerke bei der Bereitstellung der sogenannten Grundlast ersetzen – also zuverlässig die Menge an Energie liefern, die dauerhaft im Netz benötigt wird. Dass Nordlink dazu beitragen kann, zeigt die Kapazität des Kabels: Bei voller Auslastung mit 1400 Megawatt kann es gut 2,5 Millionen Haushalte in Deutschland versorgen. Fließt der Strom in umgekehrter Richtung, reicht er für 600.000 norwegische Haushalte – im Norden ist der Verbrauch höher, weil hier auch die Heizungen elektrisch laufen.

Der Nordlink-Strom fließt immer in die Richtung, wo er teurer ist. So profitieren beide Länder von günstigerer Energie

Länderübergreifende Kabel wie Nordlink dienen aber nicht nur der Versorgungssicherheit. Sie sollen auch die extremen Schwankungen an den Strombörsen dämpfen. Manchmal fallen die Preise dort sogar ins Negative, wenn besonders viel Ökostrom die Netze flutet. Die Kraftwerksbetreiber zahlen dann drauf, um ihre Energie loszuwerden. Der Anschluss an zusätzliche Märkte könnte die Situation entspannen.

Statnett-Projektleiter Auno beobachtet die Arbeiten am Vollesfjord mit einem Kaffeebecher in der einen und dem Handy in der anderen Hand. Er hat wieder die Nordeuropa-Karte aufgerufen. Erneut zeigen fast alle blauen Pfeile von Norwegen in die Nachbarländer. Auch Nordlink wird voraussichtlich die meiste Zeit von Nord nach Süd laufen.

Das muss allerdings nicht immer so bleiben. Schreitet der Ausbau der Erneuerbaren weiter so voran wie in den vergangenen Jahren, könnte Strom aus Deutschland immer öfter günstiger als der aus Norwegen werden. Dafür spricht auch der Preisverfall beim Bau von Offshore-Windrädern: Im Frühjahr erklärten die Energiekonzerne EnBW und Dong Energy, beim Bau von drei neuen Windparks in der Nordsee komplett auf Subventionen über die EEG-Umlage verzichten zu wollen.

Ob der Strom nun von Nord nach Süd oder umgekehrt fließt, kann den Nordlink-Partnern allerdings egal sein. Sie profitieren in jedem Fall. Auf norwegischer Seite landet der Handelsgewinn aus der Preisdifferenz an beiden Enden des Kabels im Staatshaushalt. Auf deutscher Seite unterliegt er der Regulierung durch die Bundesnetzagentur und wird auf die Netzentgelte umgelegt. Und das wiederum wirkt sich positiv auf die Strompreise aus.

Volker Kühn
Artikel speichern gespeichert

Artikel zur Merkliste hinzugefügt