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21. Jul. 16

Master für die Windenergie

Je komplexer die Windbranche wird, desto wichtiger sind spezialisierte Ingenieure, die sich neuen Aufgaben stellen. Hochschulen und Universitäten haben deshalb Studiengänge für künftige Windenergie-Experten entwickelt.

Hochkomplex und vielseitig: Die Windenergie-Branche benötigt gut ausgebildete Fachkräfte. Einige Hochschulen bieten mittlerweile die passenden Studiengänge an.

Von Katharina Wolf

Die Branche der Erneuerbaren Energien ist ein großer Arbeitgeber geworden. Rund 355.000 Menschen arbeiteten im Jahr 2014 in der Windenergie, der Photovoltaik oder im Bereich Biomasse. Am stärksten unter ihnen: die Windenergie, die sich auch trotz etwas rückläufigen Zahlen der anderen Sparten weiter ausbauen konnte. Fast 150.000 Beschäftigte zählte das Bundeswirtschaftsministerium in der Windbranche. Darunter sind viele hoch spezialisierte und gut ausgebildete Fachkräfte. Doch welche Möglichkeiten gibt es, als Ingenieur in den Bereich Windenergie einzusteigen? Viele Universitäten und Fachhochschulen bieten mittlerweile innerhalb eines Ingenieurstudiums Vertiefungsfächer für Windenergie an. Einige Hochschulen haben indes eigene Studiengänge entwickelt, die sich ausschließlich mit Windenergie beschäftigen und Spezialisten ausbilden wollen. „Die Windenergie ist von den Ingenieurfächern das komplizierteste“, sagt Professor Holger Lange von der Hochschule Bremerhaven. „Es sind Fachkenntnisse in vielen Bereichen gefragt: Bauingenieurwesen, Maschinenbau, Elektrotechnik, Luft- und Raumfahrttechnik - das gehört alles dazu.“ Spezialisierte Studiengänge bieten genau diesen Komplettansatz.

Bachelor Meerestechnik an der Hochschule Bremerhaven: Grundlagen für die Windenergie
Die Windenergie von Beginn des Studiums an einer Hochschule zu studieren, das geht an der Hochschule in Bremerhaven. Der Bachelor-Studiengang „Maritime Technologien“ (MAR) bietet neben einer gründlichen Ausbildung in Fächern wie Meereskunde, Küstenzonenmanagement oder Meeresmesstechnik auch eine Vertiefungsrichtung für Windenergietechniker: MAR ist in die drei Schwerpunkte „Windenergie“, „Meerestechnik“ und „Marine Biotechnologie“ gegliedert, zwischen denen die Studierenden ab dem vierten Semester wählen können. Der Bereich Windenergie- und Meerestechnik umfasst dabei die Entwicklung, Auslegung und den Betrieb von Windenergieanlagen im On- und Offshorebereich, den Bau von Überwachungsplattformen und Offshore-Anlagen und die Entwicklung von Mess- und Robotersystemen im Meer. Nach sechs Semestern schließt der Studiengang, in dem zum Teil auf Englisch unterrichtet wird, mit einer Bachelorarbeit ab.

Der Masterstudiengang „Wind Engineering” in Flensburg ist sehr praxisorientiert. An der eigenen Windenergieanlage machen sich die Studenten mit der Windenergietechnik vertraut.

Master „Windenergietechnik“ an der Hochschule Bremerhaven: Gut vernetzt mit der Industrie
Wer dann noch nicht genug von der Windenergie hat, kann in Bremerhaven sein Studium mit dem Masterstudiengang „Windenergietechnik“ fortsetzen. „Wir nehmen aber natürlich nicht nur unsere Absolventen“, sagt Prof. Holger Lange, der an der Hochschule und an der angeschlossenen Forschungskooperation Wind (fk Wind) für die Koordination des Studienganges zuständig ist. „Etwa die Hälfte der Studierenden kommt von anderen Hochschulen.“ Der Anspruch des Masters in Bremerhaven ist es, ein Verständnis für die Windenergieanlage als Ganzes zu vermitteln. „Bei uns steht die Windenergieanlage im Mittelpunkt“, betont Lange. Dazu gehört in Bremerhaven neben den technischen Aspekten wie dem Anlagenbau auch Projektmanagement und Projektentwicklung. „Bei uns studieren auch Wirtschaftsingenieure - das ist kein Problem, wenn sie die technischen Grundlagen beherrschen“, sagt Lange.

Die Unterrichtssprache in Bremerhaven ist deutsch. „Wir haben festgestellt, dass ein Angebot auf Englisch auf viele deutsche Bewerber abschreckend wirkt“, sagt Lange. Die Hochschule versteht sich als Ausbilder und Wegbereiter für die regionale Industrie: „80 Prozent unserer Absolventen arbeiten nach dem Studium in Bremen“, schätzt der Professor. Hilfreich sei, dass die Masterarbeit in Kooperation mit Unternehmen geschrieben werde. „Unsere Vernetzung mit der Industrie vor Ort ist schon besonders. Bei uns sind die Studierenden gleich ein Teil des Systems Windenergie.“

Masterstudiengang „Wind Engineering“ an den Hochschulen Flensburg/Kiel: Praxisbezug steht im Vordergrund
Seit dem Wintersemester 2008/2009 bieten die Hochschulen Flensburg und Kiel gemeinsam den viersemestrigen Masterstudiengang „Wind Engineering“ an. „Der Studiengang findet allerdings komplett in Flensburg statt und die Professoren der anderen Hochschulen pendeln“, sagt Prof. Torster Faber, verantwortlicher Koordinator am Wind Energy Technology Institute (WETI) in Flensburg. „Wir sind stolz darauf, alle Kompetenzen in der Windenergietechnik des Landes Schleswig-Holstein in diesem Studiengang gebündelt zu haben.“ Dass es in Flensburg praxisorientiert zugeht, zeigt schon die eigene Windenergieanlage auf dem Campus, an der Studierende lernen. Im dritten Semester erarbeiten sie während eines Praxismoduls eine Windenergieanlage in einem Projektteam.

„Die Idee hinter unserem Studium ist, dass wir Bachelor-Absolventen der verschiedenen Ingenieursstudiengänge zunächst in den ersten Semestern zu Generalisten in der Windenergie ausbilden. In den Vertiefungsrichtungen gehen sie in ihre Spezialgebiete zurück, sodass sie am Ende Experten ihrer Fachrichtung in der Windenergie sind, die aber auch die Bereiche der anderen kennen und verstehen“, erklärt Faber. Die Masterarbeit wird dann in der Regel von den Studierenden in Kooperation mit einem Unternehmen erarbeitet. „95 Prozent unserer Absolventen werden dann auch übernommen“, sagt Prof. Faber. „Das ist wie eine vorgezogene Probezeit für beide Seiten.“

Neben dem Praxisbezug steht Internationalität im Vordergrund: Der Studiengang ist englischsprachig, etwa die Hälfte der Studierenden kommt aus dem Ausland. „Wir brauchen in der Windenergie Menschen, die die gesamte Windenergieanlage verstehen und sich in ihrer Spezialdisziplin genau auskennen“, ist Prof. Faber überzeugt. Und der Erfolg gibt seinen Studierenden recht: Schon drei Mal konnten sie den International Small Wind Turbine Contest gewinnen – ein Wettbewerb, bei dem Studierende mit Kleinwindenergieanlagen gegeneinander antreten.

Hoch hinaus: An der Universität Hannover werden die Grundlagen der Windenergie auch in Kooperation mit dem Fraunhofer-Institut für Windenergie und Energiesystemtechnik (IWES) sowie dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt vermittelt.

Die Grundlagen der Windenergie verstehen: Master „Windenergie-Ingenieurwesen“ an der Leibniz Universität Hannover
Dass sich an der Leibniz Universität Hannover ein Forschungsschwerpunkt Windenergie entwickelt hat, ist kaum zu übersehen: Die Hochschule verfügt über ein Testzentrum für Großversuche an Tragstrukturen, einen Generator-Umrichter-Prüfstand, einen Wälzlagerprüfstand, den Großen Wellenkanal, in dem Offshore-Konstruktionen realistischen Wellen ausgesetzt werden können, und viele weitere Prüfeinrichtungen. Die Universität gehört dem universitären Forschungszentrum Forwind an und ist darüber hinaus eng mit dem Fraunhofer-Institut für Windenergie und Energiesystemtechnik (IWES) sowie dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt vernetzt. Um diese Forschungsstärke auch in der Lehre weiterzugeben, wurde 2011 der Masterstudiengang „Windenergie-Ingenieurwesen“ ins Leben gerufen - der einzige seiner Art an einer deutschen Universität. „Wir haben hier den Studierenden wirklich viel zu bieten“, sagt Professor Raimund Rolfes. Den Unterschied zu den Angeboten der Fachhochschulen erklärt er so: „Wir legen das theoretische Fundament tiefer. Bei uns lernen die Studierenden nicht nur, wie man Ingenieurregeln anwendet, sondern wie sie sich herleiten, warum man sie anwenden kann, wo ihre Grenzbereiche sind und was zu tun ist, wenn die vertrauten Regeln nicht mehr gelten.“ Wer also Grenzen überschreiten wolle, so Rolfes, für den sei das Universitätsstudium sehr zu empfehlen.

25 Plätze bietet der deutschsprachige Studiengang für Studierende, die einen ingenieurwissenschaftlichen Bachelor mitbringen, sei es im Maschinenbau, in der Elektrotechnik oder im Bauingenieurwesen. In den vier Semestern an der Leibniz Universität werden dann zunächst alle Studierenden mit den Grundlagen der Windenergie vertraut gemacht, bevor sie in vier verschiedene Vertiefungsrichtungen gehen. Je nach Vorbildung können die Studierenden zwischen Dimensionierung von Tragstrukturen, elektrischer Energiewandlung und Netzanbindung, Projektierung, Fertigung, Bau und Betrieb sowie Wind und Mechanischer Energiewandlung wählen. „Wir bilden Systemingenieure für Windenergie aus“, sagt Rolfes. Die Masterarbeit wird an der Universität oft gemeinsam mit Partnern aus der Industrie verfasst, zum Beispiel dem Fraunhofer-IWES, zu dem eine enge Bindung besteht. Berufsfelder fänden die Absolventen nicht nur bei Anlagenherstellern, so Rolfes. Viele gehen in die Zulieferbranche oder zu großen Ingenieurbüros, die im Auftrag von Herstellern oder Planern Berechnungen durchführen und Designs entwickeln.

Internationale Forschung wird im „European Wind Energy Master” großgeschrieben. Die Studenten führt es neben Dänemark auch wahlweise in die Niederlande, nach Deutschland oder Norwegen.

European Wind Energy Master: Internationale Grundlagenforschung
Die Windenergieforschung hat an der Carl von Ossietzky Universität in Oldenburg schon eine lange Tradition - eher neu ist der Studiengang „European Wind Energy Master“ (EWEM), der seit dem Wintersemester 2012/13 in Kooperation mit gleich drei anderen europäischen Universitäten angeboten wird: die Delft University of Technology (Delft, Niederlande), die Technical University of Denmark (Kopenhagen, Dänemark) und die Norwegian University of Science and Technology (Trondheim, Norwegen) sind mit im Boot. Gefördert wird der Studiengang vom Erasmus Mundus Programm, dem Exzellenzprogramm der Europäischen Kommission für Hochschulausbildung. „Für die Studierenden hat das viele Vorteile, gleichzeitig wird auch einiges von ihnen verlangt“, sagt Moses Kärn, Studienkoordinator in Oldenburg. Denn die Ausbildung findet an mindestens zwei Universitäten statt: Alle 40 Studierenden starten im ersten Semester an der Technical University of Denmark (DTU), um dort die Grundlagen einer Windenergieanlage und der Aerodynamik zu lernen.

Dann wird gewechselt: Jede Hochschule bringt ihr Spezialwissen ein und bietet Vertiefungsrichtungen an. Die Uni Oldenburg beispielsweise ist Teil der Vertiefungsrichtung „Wind Physics“. Wer sich dafür entscheidet, der studiert das zweite Semester in Norddeutschland und wechselt im dritten Semester wieder an die DTU in Kopenhagen. Die Masterarbeit im vierten Semester kann in Oldenburg, in Kopenhagen oder in Zusammenarbeit mit einem von über 40 assoziierten Partnern geschrieben werden. Ähnlich ist es bei den drei anderen Vertiefungsrichtungen Rotor Design, Electric Power System und Offshore Engineering. Lohn der Flexibilität: Die Absolventen erhalten gleich zwei Masterabschlüsse - von jeder beteiligten Universität einen.

„Es ist ein stark forschungsbezogener Studiengang“, sagt Moses Kärn. „Ziel ist, bei den jeweiligen Vertiefungsrichtungen eine hohe Spezialisierung zu erreichen.“ Wer sich für diesen Studiengang interessiert, muss also flexibel sein und sich schnell in fremder Umgebung zurechtfinden. Auch sehr gute Englischkenntnisse sind unerlässlich. Und Disziplin ist gefragt, denn der Studiengang ist kostenpflichtig: Die Gebühren differieren je nach Herkunftsland zwischen 4.000 und 13.500 Euro pro Jahr. Allerdings vergibt die EU Kommission Stipendien, die jedoch nach vier Semestern auslaufen. Stipendiaten müssen also in der Regelstudienzeit abschließen.

Steffen Kück
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