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01. Nov. 15

Service und Wartung auf dem Meer: Wohnplattformen oder Hotel-Schiffe liegen dabei unmittelbar neben dem Windpark und beherbergen die Wartungsteams.

Gemeinsam warten

Offshore-Wind ist ein zentraler Baustein der Energiewende. Ein großes Kostensenkungspotenzial liegt in der Wartung des Windparks.

Service und Wartung auf dem Meer: Wohnplattformen oder Hotel-Schiffe liegen dabei unmittelbar neben dem Windpark und beherbergen die Wartungsteams.

Als Wartung bezeichnet die DIN 31051 „Maßnahmen zur Verzögerung des Abbaus des vorhandenen Abnutzungsvorrates der Betrachtungseinheit”. Dieses Prachtexemplar von Behördendeutsch verdient es, übersetzt zu werden: Wartung kontrolliert, repariert oder ersetzt Verschleißteile.

Steht die "Betrachtungseinheit" – etwa ein Windrad – 100 Kilometer und mehr vor der Küste, sollte man ein schlüssiges Konzept haben. Jeder Stillstand kostet sonst die Betreiber tausende von Euros. 

Die Wartung eines Offshore-Windparks ist teuer. Der Bundesverband Windenergie schätzt den Anteil der Wartung an den Gesamtkosten von Offshore-Wind auf bis zu einem Viertel der gesamten Investition.

Das entspricht rund 250 Million Euro für einen mittelgroßen Offshore-Windpark. Erste Erfahrungen hinsichtlich der Wartung von Offshore-Windenergieanlagen liegen zwar vor. Wahre Aussagekraft erlangen die Konzepte aber erst auf lange Sicht. Erst die Abschlussbilanz am Ende der Betriebsdauer gibt Auskunft darüber, ob die Entscheidung für ein bestimmtes Wartungskonzept richtig oder falsch war.

Das ist der Grund dafür, dass die Wartungskosten bei Offshore-Wind zu den größten Risikoposten bei der Finanzierung eines Windparks gehören.

Die Wartungskosten hängen von mehreren Faktoren ab: Turbinentyp und -Bauart, Lage des Offshore-Windparks, Ersatzteillogistik sowie die langfristige Klimaentwicklung. Insbesondere die Lage spielt bei Offshore-Wind eine gewichtige Rolle.

Zugespitzt gesagt: Je weiter von der Küste entfernt, desto höher die Wartungskosten. Auch dem betriebswirtschaftlichen Laien dürfte angesichts der Transportkosten deutlich werden, dass der gesamte Bereich Logistik den großen Posten der Gesamtwartungskosten dominiert.

Eine Flugstunde mit einem Helikopter schlägt mit rund 2.000 - 3.000 Euro zu Buche, Schlepper mit 5.000 - 7.000 Euro täglich und größere Geräte wie Hubinseln auch schon mal mit 100.000 Euro täglich.

Eine Alternative zur Wohnplattform ist ein onshore-gestütztes Wartungskonzept wie hier bei Dong Energy im ostfriesieschen Norddeich. Die Teams kommen per Schiff oder Helikopter in die Windparks.

Bis 50 Kilometer Küstenentfernung landgestützte Wartung

Es gibt zwei Ansätze, um die Wartung eines Offshore-Windparks wirtschaftlich zu gestalten. Landgestützte Wartungseinsätze sind die Wahl, wenn der Windpark nahe der Küste Windstrom erzeugt. Als Faustregel gelten 30 Kilometer Entfernung von der Küste, die in angemessener Zeit bewältigt werden können.

Die Realität ist allerdings komplizierter. Ein Wartungskonzept hänge von vielen Faktoren ab, betont die Kommunikationschefin der dänischen Dong Energy, Iris Franco Fratini. "Wir machen das immer von Land aus", erklärt sie.

Das überrascht, weil die weiteste Entfernung eines Dong-Offshore-Windparks zur Küste 50 Kilometer beträgt. Das ist fast doppelt so viel wie die in der Branche gehandelten 30 Kilometer. Franco Fratini erläutert das Konzept. "Unsere Leute fahren vom ostfriesischen Hafen Norddeich aus mit einem Spezialschiff oder per Helikopter zu unseren Offshore-Parks. Das Schiff haben wir extra für unsere Windparks bauen lassen. Es ist ein Katamaran, das liegt ruhiger im Wasser als ein Schiff mit konventionellem Rumpf."

Zum onshore-gestützten Wartungskonzept gehört bei Dong eine klare Haltung im Personalmanagement, erklärt Franco Fratini. "Wir stellen nur Leute aus der Region ein oder solche, die dann auch hierher ziehen." Der Hintergrund dieser Personalpolitik: Aufgrund der nur beschränkt vorhersehbaren und schnell wechselnden Wetterfenster können die Dong-Techniker zuhause auf besseres Wetter warten und ebenso schnell aus der Bereitschaft heraus zum Einsatz fahren. 

Dieses Konzept setzt natürlich die enge Zusammenarbeit mit einem Stützpunkthafen voraus. Hier wird nach dem Grundsatz verfahren: Jede Arbeit, die an Land gemacht werden kann, wird auch an Land gemacht. Der Hintergrund: Jede Arbeit auf See ist mindestens vier Mal so teuer wie an Land.

Das onshore-gestützte Wartungskonzept sei allerdings bei Dong Energy kein Dogma, sondern passe sich den Gegebenheiten an, betont Franco-Fratini. "Bei wirklich großen Entfernungen von der Küste, 80 bis 100 Kilometer, wird es andere Konzepte geben."

Hoher Komfort, aber trotzdem nicht beliebt. Trotz der sehr guten Ausstattung an Bord, sind Hotelschiffe nicht sehr beliebt. Zu groß ist das Risiko, seekrank zu werden.

Vier-Sterne-Komfort im Schichtbetrieb

Gemeint sind Wohnplattformen, die im Offshore-Windpark oder unmittelbar daneben auf dem Meeresboden stehen und die den Wartungsteams eine mehr oder weniger ansprechende Unterkunft bieten.

Der Kerngedanke dieses Prinzips ist die Verkürzung der Interventionszeiten. So ist beispielsweise der Offshore-Windpark "Dan Tysk" am Rande der Ausschließlichen Wirtschaftszone jüngst in Betrieb gegangen.

Die Entfernung von der Küste beträgt eindrucksvolle 90 Kilometer. Konkret würde das bei einem landgestützten Konzept etwa drei bis vier Stunden reine Fahrzeit dauern, bis der Offshore-Windpark erreicht wird – aber auch nur dann, wenn das Transferschiff mit Wind und Wellengang fertig wird.

Eine Sonderform der Offshore-Wartungsplattformen sind Hotelschiffe. Sie nehmen die Wartungstechniker für mehrere Tage oder auch Wochen auf. Ein Ankersystem hält das Schiff auf Position. Diese Hotelschiffe bieten einen hohen Komfort mit einem ausgedehnten Freizeitangebot: Restaurant, Pool, Fitnesscenter, TV auf dem Zimmer.

Trotzdem wird diese Art der Unterkunft nicht von allen geschätzt. Heike Winkler vom Offshore-Dienstleister Reetec weiß warum: "Es ist der Seegang, der einigen zu schaffen macht. Richtig seekrank ist kein Wehwehchen." In der Tat fallen bei Seekrankheit die Betroffenen aus.

Servicetechniker bei der Arbeit: Ob auf See oder an Land, das passende Konzept spart Kosten.

Synergien nutzen durch Kooperationen

Wie bei allen technischen Systemen, die mit Rotationsbewegungen und Linearsystemen arbeiten, müssen die Berührungsflächen gefettet werden.

Unzugängliche Stellen durchlaufen im Betrieb häufig Ölwannen. Aufgabe der Wartungstechniker ist es, die Qualität der Schmierungen zu prüfen und – je nach Zustand – die vollständige Schmierung wiederherzustellen.

An Ölen fallen in einer Offshore-Windenergieanlage in großen Mengen Getriebe- und Hydrauliköl an. Steffen Homberg, Produktmanager Spezialschmierstoffe beim Schmierstoffspezialisten Addinol, weiß von einem kostensenkenden Trend zu berichten. "Früher musste alle drei Jahre das Öl gewechselt werden. Jetzt reicht es für fünf Jahre."

Regelmäßige Inspektionen der Rotorblätter und die Überprüfung der elektrischen Anlagen gehören ebenfalls zum Wartungsplan. Der Bundesverband Windenergie empfiehlt, zwei Mal im Jahr eine Wartung durchzuführen. Insbesondere Baugruppen wie Sensorik oder die Hydraulikanlage seien störanfälliger als die mechanischen Teile.

In erster Linie sind es die Betriebs- und Wartungskosten, die das größte Kostensenkungspotenzial aufweisen. "Kurzfristig bestimmen insbesondere schnellere und größere Schiffe sowie eine verbesserte Infrastruktur das Senkungspotenzial“, analysiert eine Studie von Fichtner und Prognos im Auftrag der Stiftung Offshore „Langfristig sorgen insbesondere betreiberübergreifende seebasierte Wartungskonzepte für sinkende Kosten.“

Entscheidend sei aber, so die Verfasser weiter, die Einführung betreiberübergreifender Wartungs- und Logistikkonzepte. Die Nutzung gemeinsamer Flotten- und Logistikinfrastruktur wie Lande- und Betankungsmöglichkeiten für Helikopter, Schiffe, Materiallager, Rettungs- und Sicherheitskonzepte könne zu einer Reduzierung der absoluten jährlichen Betriebskosten führen. Also doch: Gemeinsam warten.

Iris Franco Fratini
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