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10. Nov. 16

Flügelstürmer

Die letzten Meter des Marathons sind die schwersten. Doch für den Transport von Komponenten für Windenergieanlagen gilt: Das Gros der Arbeit findet lange vor der eigentlichen Fahrt zum Windpark statt.

Von Timour Chafik

Da tanzen Mücken in der Spätsommerluft, da rostet ein Container scheinbar vergessen in der Sonne, da durchbricht selten, ganz selten, ein leises Fluchen das Speditionshofidyll, wenn das 49,8-Meter-Blatt nicht gleich so auf den Auflieger will, wie es sich gehört.

Spedition Gutmann, Goldscheuer bei Kehl, Industriestraße 1. Ein paar hundert Meter vom Rhein und damit von der deutsch-französischen Grenze entfernt. Davon unbeeindruckt: Silvio, Christophe und Olaf, die einen filigranen, weißen Windkraftflügel routiniert verzurren und ihm am hinteren Ende ein Häubchen aufsetzen, damit die Spitze später gut geschützt in die Nacht ragt.

Da schlagen Ketten aneinander, reibt Metall quietschend auf Metall, da spiegeln sich das Licht und das Weiß des Flügels in den Matschpfützen. Diesen Flügel, den will man anfassen, will über ihn streichen, weil der da so liegt wie irgendwas Gestrandetes aus dem Meer, ein schlanker Wal vielleicht oder ein Aal, mit seinen knapp 50 Metern und leichten 10 Tonnen.

Dann aber steigt Silvio in die Zugmaschine, einer der drei Fahrer, die heute Nacht im Dreierpack Richtung Frankreich, genauer Zielort: Quinssaines, irgendwo im Nirgendwo zwischen Clermont-Ferrand und Châteauroux, aufbrechen werden. Und während Christophe sich hinten noch eine ansteckt und Olaf der Schweiß auf der Stirn steht, zieht Silvio mit seinem Flügel langsam davon, kurvt nicht mal im Jogging-Tempo um die hintere Halle.

Fernfahreridyll à la „Truck Stop”? Gibt’s hier nicht

Weit kommt er nicht, die Fahrt heute beginnt frühestens um 19 Uhr 30. Bis dahin werden noch zwei weitere Blätter verladen, werden von Kran und Stapler leicht angehoben, auf die Tieflader gesenkt, verzurrt und kurz vor der Speditionsausfahrt in Reih’ und Glied geparkt. Das eine oder andere Fluchen ist noch leise zu hören, die eine oder andere Zigarette wird ausgedrückt – soweit das Klischee vom Fernfahreridyll gepaart mit der Herausforderung Schwertransport.

Kernige, schweigsame Typen, die maximal in Ein-Wort-Sätzen reden. Das sind doch die, die schon „überall gewesen“ sind, „schon alles gesehen“ haben. Die mit den rauchigen Stimmen, den zerfurchten Gesichtern, die ihre ganz eigene Aura aus ein bisschen Blut, noch ein bisschen mehr Schweiß aber bloß keinen Tränen verströmen.

Dabei ist alles ganz anders. Truck-Stop-Romantik à la „Auf Achse” ist hier soweit weg wie das Oktoberfest von der Fastenzeit und wer dann später kurz vor der Abfahrt Silvio Haufe (frisch geduscht) sagen hört: „Wird schon laufen gleich, hier ist ja nüscht, is’ ja alles ganz entspannt“ der merkt schon, dass die eigentliche Arbeit schon gemacht ist

Spannend wird’s „in the middle of nowhere”

Da ziehen also nachher drei Flügel locker durch die Nacht, ein „Convoi Exceptionnel” so prangt es vorne auf jeder der drei Zugmaschinen, eskortiert von speditionseigenen Begleit- und behördlichen Polizeifahrzeugen. 600 Fahrkilometer sind es eigentlich von Kehl bis Quinssaines, „auf der Tour fahren wir aber rund 800”, sagt Paul Schmitt, Prokurist bei Gutmann.

Wer Flügel fährt, der kann eben nicht überall fahren, auch wenn es so leicht aussieht. Wer Flügel fährt, der fährt jede Menge Umwege, nur um dann kurz vor dem Ziel so richtig auf die Probe gestellt zu werden: „Die letzten 20 Kilometer sind die spannendsten”, sagt Schmitt „in the middle of nowhere: Da sind selbst die Hauptstraßen eng und wenn wir die verlassen, dann haben wir die Schilder schon abmontieren und vielleicht auch den ein oder anderen Weg ausbauen müssen”.

Dass das nicht von heute auf morgen passiert ist klar. Ein Windpark wird über Jahre designt, es gibt Machbarkeitsstudien, detaillierte Standortbewertungen, Pläne die entworfen werden, um dann von der Realität wieder verworfen zu werden. Ein Windpark ist ein Projekt, das lebt. Und wo etwas lebt, da ist Bewegung drin. Kaum jemand weiß das bei Gutmann besser als Sabine Schwandtner, Projektmanagerin Windkraft. „Wir kriegen eine Ladung, einen Auftrag, bestimmen anhand der Ladung die Fahrzeugabmessung, holen die Genehmigungen ein und planen die Strecke – das ist eigentlich immer das Gleiche“. So einfach, so abgeklärt, so nüchtern.

Wenn, ja wenn es gut läuft, dann muss ein Team aus Genehmigungsabteilung, Koordinatoren vor Ort, Disposition, Fahrern für die LKW und Begleitfahrzeuge sowie ein Verladeteam für die Blätter organisiert und geplant werden. Es muss Kontakt zu Autobahngesellschaften aufgenommen und gehalten werden, eventuell zu bereits bestehenden Machbarkeitsstudien eigene Bewertungen erstellt werden, es muss die Strecke „begangen“ werden, Behörden kontaktiert, bei der Stange gehalten und überzeugt werden, dass dieser eine Streckenverlauf nun der tatsächlich beste und richtige ist. Kurz: Es muss dem Projekt ein Rahmen gegeben werden und dabei neben Plan A und B im besten Falle noch Plan C aus der Tasche gezogen werden können. Nur für den Fall.

Logistik im Auftrag der Windenergie

Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=-k_cPcY6tNk

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Die Arbeit ist schrecklich. „Schrecklich schön!”

Eine geschlossene Mautstelle, eine ungeplante Baustelle, eine überraschend gesperrte Straße – das sind die Querschläger, die eine saubere Planung auf dem Papier ziemlich schnell in die Realität zurückholen: „Das ist schrecklich”, sagt Schwandtner, „schrecklich schön”. No wind, no fun – da bist du immer am Scherben aufkehren, sagt sie, am Brandherde löschen. „Das ist aber auch das Tolle: Ich fange morgens an, weiß nicht, was mich erwartet und muss abends erstmal zu mir kommen und überlegen, was ich heute alles wieder gestemmt habe”. Mal angenommen, sie müsste ihren Beruf in einem Satz zusammenfassen, wie würde der dann lauten? „Lösungen finden“.

Und doch: Silvio Haufe ist kurz vor der Abfahrt ziemlich entspannt. Liegt vielleicht auch daran, dass im Vorfeld der Weg für den Weg so gut als möglich geebnet wurde. Man hofft immer noch ein wenig darauf, dass er dem Klischee entspricht und gleich ganz in sich gekehrt und versunken vielleicht die Route schon mal im Kopf durchgeht.

Stattdessen steht er im Pulk mit Christophe und Olaf und den anderen zwischen den drei geparkten Flügeln hinter denen mittlerweile tatsächlich die Sonne untergeht. Eine Prise Industrieromantik, Scherze und Zoten machen die Runde, das Trio wartet gelassen auf die Polizeieskorte, die gleich kommen wird und routiniert die nötigen Papiere abarbeitet und ausstellt. „Eine gewisse Ruhe, eine Nervenstärke” hat kurz vorher Speditionschef Marlo Gutmann noch auf die Frage hinterhergerufen, was man denn so brauche als „Flügelstürmer”. Dazu eine gehörige Prise Erfahrung, um in einer sich immer wieder wandelnden Branche effiziente Lösungen anbieten zu können.

„Früher”, sagt Silvio Haufe dann noch, „früher bin ich normal im Schweizverkehr und international gefahren, heute möchte ich aber außer Flügel nichts anderes mehr fahren.” Die Länge sagt er, die sieht einfach gut aus. „Die Leute schauen und das macht dich stolz – das fühlt sich einfach anders an als Container im Hamburger Hafen zu fahren”.

Immer 50 Meter weit nach hinten denken

Schrittgeschwindigkeit wäre zu wenig, zügiges Fahren weit zufiel; es ist eher ein entspanntes Gleiten als Silvio, Christoph und Olaf kurz darauf den ersten Kreisverkehr locker nehmen.

60, 70 Meter vorweg macht das Blaulicht den Weg frei, während hier oben im Fahrerhaus eine Stimme aus einem schwarzen Handfunkgerät „Rechts bist Du zehn Zentimeter zu weit” knarzt: der Fahrer des speditionseigenen Begleitfahrzeuges, das BF3, jedem Sattelzug zugeteilt, gleitet durch die Nacht. „Hektik bringt nix, dann kannstes gleich vergessen”, sagt Silvio dazu nur, „trotzdem muss ich natürlich auch immer 50 Meter weit nach hinten denken”.

Sagt es und weiß genau, dass er dabei nicht alleine ist. Er fährt ja zu dritt, schickt er noch hinterher. „Und wenn die Gruppe funktioniert, dann ist das einfach wunderbar!”. Ein eingespieltes Team an Flügelstürmern sind sie eben, die drei, die dann rechts auf die Autobahn Richtung Frankreich in die Nacht verschwinden. Genauso wie die, die schon im Vorfeld den Weg freigemacht haben.

Larissa Dieckhoff
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