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29. Nov. 16

Hochspannungsleitung bei Hildesheim: Weil der Ausbau der Netze nicht mit dem Wachstum der Ökostromerzeugung Schritt hält, müssen die Tennet-Techniker immer öfter eingreifen. Zu größeren Blackouts ist es bislang aber nicht gekommen.

Die Elektronenschieber

Es gibt Ökostrom im Überfluss, trotzdem laufen Kohlekraftwerke auf Hochtouren. Wie kann das sein? Die Antwort findet sich in der Leitstelle des Netzbetreibers Tennet bei Hannover

Der Herr der Netze: Volker Weinreich ist der Chef der Tennet-Leitstelle in Ahlten bei Hannover. Er und seine 60 Mitarbeiter sind dafür zuständig, dass die Stromnetze stabil bleiben. „Durch die Energiewende ist unsere Arbeit sehr viel anspruchsvoller geworden“, sagt Weinreich.

Von Claus Gorgs

Graue Pfeiler, weiße Kunststofffenster, die Fassade aus Waschbeton. Schulgebäude aus den Siebzigern sehen so aus. Oder Anbauten von Finanzämtern. Von der Hauptstraße aus ist der zweigeschossige Plattenbau kaum zu sehen, eine grüne Lärmschutzwand versperrt den Blick. Nichts deutet darauf hin, dass hier Entscheidungen von strategischer Bedeutung für Deutschland fallen. Allenfalls der 2,50 Meter hohe Sicherheitszaun, die Überwachungskameras und die mannshohe Sicherheitsschleuse.

Volker Weinreich wartet am Eingang. „Wir liegen hier etwas versteckt“, sagt er mit leichtem westfälischen Einschlag. „Und das ist uns auch durchaus angenehm.“ Seit fünf Jahren ist der gebürtige Dortmunder Chef dieser Einrichtung, deren offizielle Bezeichnung „Schaltleitung“ ähnlich viel über ihre Bedeutung erahnen lässt wie das Gebäude.

Hier, am Rande des Dörfchens Ahlten bei Hannover, liegt das Steuerungszentrum des Stromnetzbetreibers Tennet, dessen Hochspannungsleitungen von der dänischen bis an die österreichische Grenze reichen. Hier ist das Nervenzentrum der deutschen Energiewende.

Weinreich und sein Team entscheiden, welches Kraftwerk wie viel Strom ins Netz einspeist, welche Windräder sich drehen dürfen und welche nicht. Sie sorgen dafür, dass auch bei bedecktem Himmel und Windstille keine Glühbirne ausgeht, kein Fließband stehen bleibt. „Durch die Energiewende ist unsere Arbeit sehr viel anspruchsvoller geworden“, sagt Weinreich. „Wir müssen immer häufiger eingreifen, damit das Stromnetz stabil bleibt. Wir rücken immer näher an die Grenzen der Belastbarkeit heran.“

Die Ingenieure schaffen die Basis dafür, dass die Energiewende überhaupt funktioniert. Und sie sind gleichzeitig diejenigen, die sie immer teurer machen. Ihre Entscheidungen kosten die Kunden Hunderte Millionen Euro im Jahr. Weil es nicht genügend Leitungen gibt, um den Strom dorthin zu transportieren, wo er gebraucht wird. Ob das, was an dieser zentralen Schnittstelle momentan passiert, das ist, was die Erfinder der Energiewende gewollt haben, ist mehr als fraglich.

Mindestens vier Techniker sind in Ahlten Tag und Nacht im Dienst. Ihr Job ist es, die Frequenz im Stromnetz bei 50,00 Hertz zu halten. Allenfalls in der zweiten Nachkommastelle darf der Wert abweichen. Aktuell ist alles im grünen Bereich: Die rote LED-Anzeige steht bei 50,01 Hertz.

Weil der Netzausbau nicht vorankommt, steigt der Strompreis für die Verbraucher

Zwei Entwicklungen verlaufen gerade parallel, die die Stromkosten für Privathaushalte nach oben treiben: Zum einen ist es die steigende Ökostromumlage, zum anderen der wachsende Aufwand für Netzbetreiber wie Tennet. Der Ausbau erneuerbarer Energien schreitet in hohem Tempo voran: 2015 lag die Kapazität aller installierten Wind-, Wasser-, Solar- und Biomassekraftwerke bei knapp 100 Gigawatt. Das entspricht etwa der zehnfachen Leistung aller deutschen Atomkraftwerke, die noch am Netz sind.

In den vergangenen sechs Jahren hat sich die Stromerzeugung durch erneuerbare Energien annähernd verdoppelt. Das Ergebnis ist ein gigantisches Überangebot an Strom, was zu einem drastischen Preisverfall geführt hat: Seit 2011 hat er sich halbiert – allerdings nur an der Börse, nicht für den Endverbraucher. Denn der zahlt über die Ökostromumlage den wesentlich höheren Preis, den der Gesetzgeber den Erzeugern von Bioenergie garantiert hat, in der Regel über einen Zeitraum von 20 Jahren.

Es ist paradox: Je mehr Ökostrom produziert wird, desto tiefer fällt der Preis. Und desto größer wird die Differenz zur garantierten Vergütung. 2017 wird deswegen die sogenannte EEG-Umlage zum wiederholten Male steigen, um 0,53 auf dann 6,88 Cent pro Kilowattstunde. Obwohl also Strom in Hülle und Fülle zur Verfügung steht, wird er für den Verbraucher immer teurer. „Das kann man den Menschen nur sehr schwer erklären”, sagt Weinreich. Zumal Unternehmen, die besonders viel Strom verbrauchen, von dieser Umlage befreit sind.

Weinreich verwaltet mit seinen 60 Mitarbeitern den zweiten Kostentreiber: die Stromleitungen. Besser gesagt: die fehlenden Stromleitungen. Während konventionelle Kraftwerke früher in der Regel dort entstanden, wo auch der Strom verbraucht wurde, ist heute das Gegenteil der Fall. Durch den Atomausstieg – 2022 soll das letzte deutsche AKW vom Netz gehen – fällt vor allem Erzeugungskapazität in Süddeutschland weg.

Genau dort liegen jedoch wichtige industrielle Zentren, die viel Energie verbrauchen. Die wird jetzt vor allem in Norddeutschland erzeugt: Allein die Rotoren in der Nordsee können heute so viel Strom produzieren wie zwei Atomkraftwerke – natürlich nur, wenn Wind weht. Nur dass diese Strommenge vor Ort gar nicht verbraucht wird.

Mindestens vier Techniker überwachen das Netz rund um die Uhr

Sie müsste per Hochspannungsleitung gen Süden transportiert werden. Doch die Planungen für die notwendigen Trassen stocken seit Jahren – allen voran die größte, Suedlink. Die Folgen spüren die Elektronenschieber in Ahlten täglich.

Das Herz der Schaltleitung sieht aus wie ein Handelsraum an der Börse, wie man ihn aus der Tagesschau kennt: Unzählige bunte Kurven flimmern über mehr als 20 Farbmonitore, nur dass die große rote LED-Anzeige ganz oben an der Wand nicht den aktuellen Dax-Stand anzeigt, sondern die Frequenz des Stromnetzes: 50,00 Hertz, genau so soll es sein.

Mindestens vier Techniker sind rund um die Uhr im Einsatz, damit dieser Wert allenfalls in der zweiten Nachkommastelle abweicht. Werden die Schwankungen zu groß, droht der Gau des Ökostromzeitalters: Instabilität des Netzes. Blackout. Stromausfall. „Die Energiewende hat den Netzbetrieb wesentlich komplexer und aufwendiger gemacht”, sagt Weinreich. Er steht vor einem etwa drei Quadratmeter großen Monitor in der Mitte des Kontrollraums, auf dem Linien in verschiedenen Farben aufleuchten. Jede steht für ein ganzes Bündel an Hochspannungsleitungen.

Ist die Linie grün oder gelb, gibt es keinen Grund zur Besorgnis. Wird sie rot, schauen die Ingenieure genauer hin. Verfärbt sie sich violett, wird es kritisch. „Es ist wie auf der Autobahn”, erklärt Weinreich. „Wenn zu viele Autos gleichzeitig auf der A7 von Norden nach Süden wollen und sich dann auf halber Strecke die Fahrbahn verengt, kommt es zum Stau.” Genau so sei es mit dem Stromnetz auch. „Nur dass es bei uns eben nicht zum Stau kommen darf.” Denn das würde bedeuten, dass irgendwo das Licht ausgeht.

Gaskraftwerke wie hier in NRW sind weniger klimaschädlich als Kohlekraftwerke. Dennoch stehen sie oft still, weil es günstiger ist, Kohle zu verstromen. An der Strombörse führt das zu einem Preisverfall – der wiederum einen Anstieg der Ökostromumlage nach sich zieht.

„Offshore-Windparks sind ein Riesenerfolg. Und wir regeln sie immer häufiger ab.”

Wenn also ein Sturmtief über Norddeutschland fegt und die Leitungen mit Windstrom voll pustet, kann das die unterdimensionierten Leitungen zum Glühen bringen. Überlastung droht. In solchen Momenten greifen die Tennet-Ingenieure ein – und nehmen die überschüssige Energie vom Netz. Eine Anweisung aus Ahlten und die Rotoren bleiben stehen trotz Windstärke acht.

„Es ist im Grunde genommen widersinnig”, sagt der Chef der Leitstelle. „Gerade die Offshore-Windparks sind ein Riesenerfolg. Und wir regeln sie immer häufiger ab, wenn sie am meisten Ertrag bringen.” Damit nicht genug: Nur weil es im Norden stürmt, baut BMW in München ja nicht weniger Autos. Und so kann es sein, dass irgendwo in Süd- oder Ostdeutschland zur selben Zeit die Leistung eines konventionellen Kraftwerks hochgefahren wird.

Welches das ist, entscheiden die Ingenieure anhand von zwei Kriterien: Nähe und Preis. Das Kraftwerk, das in der kürzesten Distanz zum Stromengpass steht und am günstigsten anbieten kann, erhält den Zuschlag. In der Regel sind das alte Braun- oder Steinkohlemeiler, die seit Jahren abgeschrieben sind und entsprechend billig anbieten können. Moderne Gaskraftwerke, die zwar sauberer wären aber teurer, stehen still. Sie dienen nur noch als „strategische Reserve”.

Das ist nicht nur ökologischer Irrsinn, es ist auch irrsinnig teuer. Der Strom muss nämlich jetzt zweimal bezahlt werden: Einmal an den Betreiber des Kohlemeilers, der die Energie tatsächlich produziert hat. Und einmal an den Betreiber des abgeschalteten Windparks. Denn Ökostrom hat laut Gesetz Vorrang. Wird er vom Netz genommen, muss der verhinderte Erzeuger entschädigt werden.

„Jeder Eingriff zur Stabilisierung des Netzes kostet Geld”, sagt Weinreich. Allein 2015 musste Tennet 1400 Mal eingreifen. Vor der Energiewende kam das nur ein paar Mal im Jahr vor. Und auch diese Kosten trägt – Überraschung! – der Verbraucher, und zwar über das sogenannte Netzentgelt, das Tennet und die anderen drei Hochspannungsnetzbetreiber auf den Strompreis aufschlagen. Bundesweit betrugen die Kosten für stabilisierende Eingriffe 2015 rund eine Milliarde Euro.

Biogasanlage in Niedersachsen: 2015 lag die Kapazität der Ökostromerzeugung in Deutschland bei insgesamt fast 100 Gigawatt. Das entspricht dem Zehnfachen aller noch laufenden Atommeiler. Der wachsende Überschuss aus erneuerbaren und fossilen Quellen erschwert die Arbeit der Tennet-Leitstelle.

Investitionen in die Leitungen sind günstiger, als den Strom ungenutzt zu lassen

Die Bundesnetzagentur geht davon aus, dass dieser Betrag durch den weiteren Ausbau der erneuerbaren Energien auf bis zu vier Milliarden Euro steigen wird. Für 2017 hat Tennet eine Erhöhung des Netzentgelts um 80 Prozent angekündigt, das entspricht einer Preiserhöhung von etwa 30 Euro pro Haushalt.

Sein halbes Berufsleben hat Volker Weinreich in der Stromwirtschaft verbracht und er ist genervt, dass er und seine Kollegen die Buhmänner sein sollen für eine verkorkste Energiepolitik. „Anders als Gas lässt sich Strom nur sehr begrenzt speichern, deshalb müssen wir dringend in die Netze investieren”, wirbt er für den Ausbau der Hochspannungstrassen. „Das ist viel günstiger, als Jahr für Jahr Strom ungenutzt zu lassen.”

Den ursprünglichen Plan, eine Überlandleitung quer durch die Republik zu ziehen, stoppte die Politik nach massiven Bürgerprotesten. Vor wenigen Wochen hat Tennet eine neue Planung vorlegt, diesmal als Erdkabeltrasse. Das ist in der Bevölkerung leichter vermittelbar, kostet allerdings das Dreifache. Und es kostet Zeit. So verzögert sich allein der Bau von Suedlink um voraussichtlich drei Jahre bis 2025. Drei Jahre Verzögerung bedeuten drei Milliarden Euro Mehrkosten. Mindestens.

Es ist ruhig im Kontrollraum. Die blaue Kurve, die die aktuelle Leistung der Offshore-Windparks anzeigt, dümpelt an diesem Oktobermorgen nahe der Nulllinie. Flaute über der Nordsee. Noch vor wenigen Stunden war deutlich mehr zu tun, da fluteten schlagartig rund 2800 Megawatt ins Netz. „Haben wir ohne Eingriff in die Offshore-Windparks hingekriegt”, freut sich Weinreich.

Wird es jemals wieder so werden wie früher, als das Netz sich quasi von selbst regulierte und er nur eingreifen musste, wenn mal irgendwo ein Kraftwerk störungsbedingt vom Netz ging? „Bevor ich in den Ruhestand gehe, vermutlich nicht”, sagt Weinreich. Er ist 54 Jahre alt.

Larissa Dieckhoff
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